Funktionen eines Platzes: der Eupener Marktplatz

Wenn wir den Eupener Marktplatz am Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem heutigen Marktplatz vergleichen, sehen wir schnell, wie sich die Funktion von Plätzen im städtischen Raum innerhalb eines Jahrhunderts geändert hat. Diese Veränderung ist ein Spiegel der sozio-ökonomischen Entwicklungen in Ostbelgien im 20. Jahrhundert.

Während auf dem älteren Bild keine Tische auf dem Platz zu sehen sind und er fast leblos scheint, ist das auf dem aktuellen Bild nicht so. Hier zeugen Tische, Stühle und Schirme von einer regen Nutzung des Platzes durch die Eupener Einwohner. Kein Wunder: Während die Menschen am Anfang des 20. Jahrhundert nur sehr wenig Mußezeit hatten und das Leben größtenteils aus Arbeit bestand, können wir heute unsere freie Zeit gesellig in Cafés verbringen. Der Marktplatz wurde durch diese Entwicklung zu einem zentralen Ort des geselligen Beisammenseins in Eupen.

Doch noch etwas fällt auf: Während auf dem ersten Bild die Nikolauskirche noch wie ein offener, gemeinzugängliches Gebäude auf dem Platz erscheint, ist dies auf dem zweiten Bild nicht mehr so. Die Kirche scheint sich hinter Bäumen und Sträuchern zu verbergen. Sie steht sinnbildlich für die Zurückdrängung der Religion aus dem öffentlichen Raum hinein ins Private.

Ins Auge springt ebenfalls, dass sich der Marktplatz nur vereinzelt archetektonische verändert hat. Vor allem die Fassadenseite des heutigen Grenz-Echo Gebäudes ist nahezu erhalten geblieben. Das gilt allerdings nicht für den Verkehr auf dem Platz. Heute teilen sich Fußgänger den Platz mit zahlreichen Autos. Das war am Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht so. Eine Straße führte zwar über den Platz, allerdings wurde diese höchstens durch Kutschen genutzt. Ein Bild aus den 1980er Jahren würde zeigen, wie der explosionsartige Anstieg der Autobesitzer in den 1970er Jahren den Platz beeinflusste. Bis vor kurzem war der Ort noch durch eine Durchgangsstraße geprägt. Heute ist er eine Begegnungszone mit Vorrang für Fußgänger und Radfahrer.

So stehen die zwei Bilder des Marktplatzes für die Aneignung des öffentlichen Raums durch den Bürger. Sie verdeutlichen, wie sich die Funktionen eines Platzes als zentraler Ort einer Stadt im Laufe eines Jahrhunderts verändert haben.

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