Der Phrasendrescher: eine Karikatur der SPB

Eine Karikatur aus einer Wahlzeitung (1974) der Sozialistischen Partei Belgiens legt sehr gut die Sichtweisen der Partei in den 1960er und 1970er Jahre auf die Autonomie der deutschsprachigen Belgier offen. Beschreiben wir zuerst, was wir sehen:

Im Zentrum der Karikatur steht der Kopf eines Mannes. Es ist die stilisierte Abbildung von Michel Louis, der einer der Mitgründer der PDB war. Die PDB war eine Partei, die sich klar für die gleichberechtigte Autonomie der deutschsprachigen Belgier gegenüber Flamen und Wallonen aussprach. Michel Louis trägt auf dem Bild die Kleidung einer Insulanerin und lockt mit den Worten „Die PDB führt Dich ins Paradies“. Links von ihm ist ein augenscheinlich in Seenot befindlicher und orientierungsloser Matrose abgebildet. Zu seiner Rechten befindet sich ein Bretterzaun. Er verhindert, dass die Eingeborenen einer Insel auf den Horizont des Meeres und alles, was dahinter liegt, schauen können.

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A caption for the above image.

Die Bildsprache der Karikatur ist mächtig und kann nur verstanden werden, wenn wir uns gedanklich in die 1960er und 1970er Jahre zurückversetzen. Eingeborene galten im Denken vieler Menschen noch als barbarisch, ungebildet und einfältig. Insulanerinnen versprühten den Reiz des Exotischen und des Verbotenen. Im damaligen Denken sollte man sich nicht auf sie einlassen.

Die Karikatur entstand kurz nach der ersten Staatsreform (1971), die drei Kulturgemeinschaften in Belgien einrichtete: die flämische, die deutsche und die französische Kulturgemeinschaft. Zu jener Zeit wurde vornehmlich darüber debattiert, wie die zukünftige Beziehung zwischen den Kulturgemeinschaften aussehen solle.

Zwei Elemente spielen bei dieser Karikatur eine wichtige Rolle. Erstens glaubten die traditionellen Parteien, dass die PDB die deutschsprachigen Belgier durch ihren Willen zur Autonomie in eine Art Ghetto am Rande Belgiens führen würde; hierfür steht die Insel mit den Eingeborenen, die hinter dem Bretterzaun ihren Horizont nicht erweitern können. Die PDB wolle, dass die deutschsprachigen Belgier so gut wie möglich von der belgischen Bevölkerung abgetrennt würden. Nur die Politiker der PDB seien daraufhin fähig, mit dem Landesinneren zu kommunizieren und könnten den Deutschsprachigen das innerbelgische Geschehen verfälscht darlegen. Sie verführten die orientierungslosen Wähler – deshalb der Schiffbrüchige und die Insulanerin – und ließen sie daraufhin verdummen.

In diesem Zusammenhang spielt, zweitens, auch die Frage nach den Sprachkenntnissen der deutschsprachigen Belgier eine wichtige Rolle. Die traditionellen Parteien wollten eine forcierte Zweisprachigkeit Ostbelgiens. Die PDB setzte sich für eine genauste Erlernung der Muttersprache zur Ausbildung der Gedankenwelt und eine spätere Erlernung einer Zweitsprache ein. Die traditionellen Parteien verunglimpften die Politiker der PDB aus diesem Grund. Die Führenden der Partei seien selber dazu fähig, das Französische zu sprechen. Ihren eigenen Wählern würden sie dies aber nicht zugestehen.

Durch die Zweisprachigkeit der Ostbelgier strebte die sozialistische Partei eine stärkere Verbindung mit dem französischsprachigen Landesteil Belgiens an. Gleichzeitig wollten führende deutschsprachige und französischsprachige Mitglieder der Partei hiermit die komplette Französierung und die Verdrängung der deutschen Sprache aus Ostbelgien erreichen.

Heute hat die Partei ein nuancenreicheres Verhältnis zur Autonomie und der Zweisprachigkeit der deutschsprachigen Belgier. In den 1990er Jahren veränderte die SP unter den Impulsen einer jüngeren Generation ihre Strategie vollkommen. Die sozialistische Partei verstand, dass die Demokratisierung des Unterrichtswesens nur über den Vorrang der Muttersprache zu erreichen war.

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