Herman Baltia

Menschen machen Geschichte

Herman Baltia hatte nach dem Ersten Weltkrieg den Auftrag aus Deutschen, Belgier zu machen. Er sollte die Bevölkerung aus den preußischen Kreisen Eupen und Malmedy zu königstreuen Staatsbürgern machen. Aber kann man die Identität einer Bevölkerung von heute auf morgen einfach so ändern? Baltia versuchte es. Grund genug also, einen genaueren Blick auf das Leben Baltias zu werfen.

Durch das Inkrafttreten des Vertrags von Versailles 1920 wurde Belgien die Hoheit über die bis dato preußischen Kreise Eupen und Malmedy übertragen. Baltias Entscheidungen stellten die Gleise für die Zukunft des heutigen Ostbelgiens während zwanzig Jahren. General Herman Baltia wurde zum Hohen Kommissar und Gouverneur des Gebiets ernannt. Der Hohe Kommissar verfügte in Eupen-Malmedy über beinahe uneingeschränkte und unbefristete Vollmachten. Mit diesen weitreichenden Vollmachten gelang es Baltia, die belgische Gesetzgebung schrittweise einzuführen und die neuen Gebiete an das belgische Schul-, Rechts- und Wirtschaftswesen anzupassen. Weitere Aufgaben des Gouvernements bzw. Baltias waren die Durchführung der Volksbefragung, die zur Angliederung an Belgien führte, die Reorganisation der Verwaltung der ihm unterstellten Gebiete sowie die Vorbereitung der definitiven Angliederung des Gebietes.

Baltia, der Sohn eines Generals luxemburgischer Abstammung und einer deutschen Mutter war, studierte Politikwissenschaften an der Universität Lüttich und absolvierte danach eine Ausbildung an der Ecole Royale Militaire und der Ecole de Guerre. Er trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde 1919 nach Erfolgen während des Ersten Weltkriegs zum Generalleutnant und 1920 zum Baron ernannt. Auf Grund seiner Deutschkenntnisse und seines Organisationstalents wurde er 1920 zum Hohen Kommissar für Eupen-Malmedy ernannt.

Baltia ist nicht unumstritten, insbesondere wegen der vom Versailler Vertrag auferlegten und von ihm durchgeführten Volksbefragung in den Ostkantonen, der von seiner Regierung ausgeübten Zensur und der hartnäckigen Assimilierungsversuche. Zur Eingliederung der Ostkantone in das belgische Staatsgefüge wurde Baltia mit kolonialen Vollmachten, sprich legislativer und exekutiver Gewalt, ausgestattet. Der Gouverneur unterstand lediglich dem damaligen Erstminister, Léon Delacroix bzw. dessen Nachfolgern. Erstminister Delacroix schrieb dem General kurz vor seiner Ernennung einen Brief, aus dem sich ein Satz tief ins kollektive Gedächtnis der deutschsprachigen Belgier eingebrannt hat: "Prenez soin que tout marche sans problème et que les coûts restent raisonnables. Vous serez comme le gouverneur d'une colonie qui est directement en contact avec la patrie." (dt. Sorgen Sie dafür, dass alles reibungslos abläuft und dass sich die Kosten in Grenzen halten. Sie werden wie der Gouverneur einer Kolonie sein, die im direkten Kontakt mit dem Mutterland ist). Trotzdem hat Baltia durch seine Sondervollmachten und seine direkte Unterstellung unter den Premier- bzw. Innenminister eine Reihe von Sprach- und Integrationsprobleme auffangen können. 

Die belgischen Behörden, die 1925 nach der Abschaffung des sogenannten Generalgouvernements Baltia das Ruder übernahmen, ließen des Öfteren den besonderen Status und die damit verbundenen Empfindsamkeiten der neuen Mitbürger außer Acht.

Baltias handeln veränderte Ostbelgien nachhaltig. Er formte das politische Leben im heutigen Ostbelgien um und passte es auf die belgischen Gegebenheiten an. Er vergaß dabei aber, die Gesellschaft stärker in den Wandel einzubeziehen. Und heute? Was kann uns die Persönlichkeit Baltias noch sagen? Unsere politischen Systeme verändern sich immer noch und beeinflussen so das Leben von vielen Menschen. Wir werden jeden Tag mit Situationen konfrontiert, die unsere Zukunft nachhaltig beeinflussen. Wir müssen uns heute die Frage stellen, wie wir diese Situationen so gestalten können, dass die Gesellschaft Teil des Wandels und der der Veränderung ist und nicht zum Opfer derselben.

Literatur:

Els Herebout: Generalgouverneur Herman Baltia. Memoiren 1920-1925. Brüssel 2011 (Quellen und Forschungen zur Geschichte der deutschsprachigen Belgier)

Jacques Willequet: Baltia, Herman (baron), in: Bioghraphie Nationale vol. 40, S. 17-21.

 

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