Marc Somerhausen

Menschen machen Geschichte

Während des Ersten Weltkriegs kam eine neue Idee auf: das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Dieses Recht sollte es allen Volksgruppen ermöglichen, über ihr eigenes Schicksal zu entscheiden. Die Frage nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker spielt auch noch im heutigen Europa eine große Rolle. Viele Nationalstaaten beharren gegenüber der Europäischen Union auf ihr Recht auf Selbstbestimmung. In Schottland und Katalonien beharren Unabhängigkeitsbewegungen auf ihr Recht auf Selbstbestimmung, um sich von ihren Nationalstaaten zu lösen. Russland stützte sich bei der Annexion der Krim auf eben jenes Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Von besonderer Relevanz war diese neue Idee für Eupen-Malmedy, da dieses Prinzip bei der Annexion des Gebietes durch Belgien nicht angewendet wurde. Dies führte dazu, dass die Zugehörigkeit zu Belgien durch die deutschsprachige Bevölkerung immer wieder in Frage gestellt wurde. Einer der ersten, der sich für Ostbelgien in der Zeit zwischen den Weltkriegen, für die Durchführung einer Volksabstimmung und später für die Rechte der deutschsprachigen Belgier einsetzte, war Marc Somerhausen.

Marc Somerhausen wurde am 1. Juli 1899 als ältester Sohn eines Rechtsanwaltes im Brüsseler Stadtteil Ixelles geboren. Dort besuchte er bis 1914 die Deutsche Schule. Als 17jähriger gelang es Somerhausen über die Niederlande die Front in Flandern zu erreichen, wo er als Kriegsfreiwilliger in einem Artillerieregiment diente.

Nach Beendigung seines Jurastudiums an der Freien Universität Brüssel erhielt Somerhausen ein Auslandsstipendium. Er studierte an der University of Wisconsin in Madison/USA. Hier lernte er seine zukünftige Ehefrau, Anne von Stoffregen, kennen. Nach seiner Rückkehr ließ sich Somerhausen als Anwalt in Brüssel nieder.

Schon frühzeitig begeisterte sich Marc Somerhausen für sozialistische Ideen und wurde - nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten -Mitglied der POB/BWP (Partie Ouvrier Beige/Belgische Arbeiter Partei).

1923 wurde Somerhausen als Delegierter zum Kongress der Sozialistischen Internationale gesandt. Nach seiner Rückkehr wurde er Mitarbeiter des damaligen sozialistischen Justizministers Emil Vandervelde.

Am 11. November 1923 kam Somerhausen zum ersten Mal im Auftrag der Partei nach Eupen, um dort eine Ansprache zu halten. Hier entstanden erste politische und schließlich freundschaftliche Kontakte zu Karl Weiss, dem Begründer der sozialistischen Bewegung in Eupen, die lebenslang anhalten sollten.

Bei den Kammerwahlen vom 5. April 1925 wurde Somerhausen zum Abgeordneten im Bezirk Verviers für die sozialistische Partei gewählt. Ein Viertel der Stimmen erhielt er aus Ostbelgien, dessen Bewohner damals zum ersten Mal an belgischen Wahlen teilnehmen durften. Somerhausen hatte sich im Wahlkampf für das Selbstbestimmungsrecht und die Durchführung einer wirklich fairen Volksabstimmung über die Staatszugehörigkeit des Gebietes eingesetzt.

Somerhausen hatte sich hier im Wahlkampf für das Selbstbestimmungsrecht und die Durchführung einer wirklich fairen Volksabstimmung über die Staatszugehörigkeit des Gebietes engagiert.

Am 15. März 1927 trat Somerhausen in einer viel beachteten Interpellation entschieden für die Rechte der „Neubelgier“ ein. Er forderte eine Wiederholung der Abstimmung von 1920 und brachte alle politischen Vorgänge zur Sprache, die sich vor, bei und nach der gerade erfolgten Eingliederung der drei Kantone an Belgien abgespielt hatten. Die Interpellation Somerhausens vom 15. März 1927 stellt bis heute einen Wendepunkt in der Nachkriegsgeschichte Belgiens dar.

Nach der Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 stand für die allermeisten demokratisch gesinnten Bewohner der neuen belgischen Gebiete fest, dass eine Rückkehr nach Deutschland nun nicht mehr möglich war. Somerhausen engagierte sich fortan für die Rechte der Deutschsprachigen im Belgischen Staatsverband, beispielsweise im Justizwesen und für eine breite Zweisprachigkeit im ganzen Gebiet.

Bei Kriegsausbruch im Jahre 1940 wurde Somerhausen, der sich wiederum freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, zur Luftabwehr eingezogen. Kurz darauf geriet er in deutsche Gefangenschaft und erlangte erst nach 1945 die Freiheit.

Während seiner Gefangenschaft wurde er bei der Geheimen Staatspolizei (GESTAPO) denunziert. Es wurde ihm vorgehalten, nach 1933, untergetauchte deutsche Sozialdemokraten beim Schmuggeln von illegalem Propagandamaterial von Belgien nach Deutschland unterstützt zu haben. Somerhausen wurde zwar vernommen, jedoch keiner weiteren Verfolgung ausgesetzt. /

Nach seiner Rückkehr im Jahre 1945 leistete Somerhausen zeitweilig Dienst bei der Militärmission in Berlin. Nach den Wahlen von 1946 zog er nochmals, jetzt als Abgeordneter des Wahlbezirks Brüssel, in die Kammer ein. Dieses Amt bekleidete er für ein Jahr, da er 1947 zum Mitglied des neu eingerichteten Staatsrats ernannt wurde. Von 1954 bis zur Emeritierung 1969 war Somerhausen als Professor für Verwaltungsrecht an der Freien Universität Brüssel tätig.  1966 wurde ihm die hohe Ehre des Ersten Präsidenten des Staatsrates zuteil.
 

Marc Somerhausen verstarb am 14. März 1992 im Alter von 93 Jahren in seinem Wohnhaus in Ixelles.

Wie ist es heute um dieses Selbstbestimmungsrecht der Völker gestellt? Kann man einer Bevölkerung dieses Recht immer zugestehen, oder muss man sie manches Mal vor sich selber schützen, so wie es Somerhausen in den 1930er Jahren getan hat?

 

Lebensdaten: 13. Juli 1899- 14. März 1992

Geburtsort: Ixelles

Wirkungsort: Brüssel

Sterbeort: Ixelles

Beruf/Funktion: Jurist/ Politiker

Konfession:

Namensvarianten:

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