Paul Kettmus

Menschen machen Geschichte

Häufig wird Veränderung mit Politik in Zusammenhang gebracht. Nicht umsonst, da doch Gesetze das menschliche Zusammenleben organisieren. Aber nicht nur politisch gewählte Mandatsträger beeinflussten in der Geschichte die Geschicke des heutigen Ostbelgiens. Viele Menschen konnten die Gesellschaft und die Veränderungen Ostbelgiens auch außerhalb der Politik formen. Das wird besonders deutlich anhand Paul Kettmus Biographie.

Paul Kettmus wurde am 27. November 1913 als drittes von vier Kindern der Eheleute Johann Kettmus (Amelscheid) und  Elisabeth Grommes (Schönberg) geboren.  Sein Vater fand 1917 an der Ostfront in Galizien den Tod. Die Kindheit verbrachte der junge Paul in Schönberg, bevor er die Mittelschule in Sankt Vith besuchte.  Nach dem Abitur am Eupener College (1934) studierte er Philosophie in Löwen, dann Theologie in Lüttich und Aachen.  In der Kaiserstadt wurde er am 21.12.1940 zum Priester geweiht.  Nach seinen Studien kam er als Pfarrverwalter nach Gerderath und Kolkrath (Dekanat Erkelenz).

Mit der Leitung der Pfarre Mürringen-Hünningen wurde er ab 1943 betraut.  Rund 40 Jahre lang sollte er in dieser Gemeinde wirken. Seinen pastoralen Auftrag sah er stets in der Seelsorge: als „Hirte“ seiner Pfarrkinder und beharrlicher Animator des religiösen Lebens in den beiden Dörfern.  Die Übernahme des Religionsunterrichtes (bis 1977), die Einrichtung eines Kindergartens (1950), die Unterstützung junger Theologiestudenten, die Ermutigung der Jugend zum Einsatz in geistlichen Berufen oder missionarischen Tätigkeitsfeldern, der Bau des Pfarrheims (1961), die Organisation einer kath. Landjugend (1950er), die das Dorfleben ab den 1960er Jahren zunehmend selber mit eigener Angebotspalette (Kappensitzungen, Karnevalsumzug, Lager, Quiz, Ausfahrt der Betagten, …) färbte, ...

Weitsicht, Erneuerungskraft und Fortschrittswillen bestimmten das Handeln des „Herrn Pastor“, ganz besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil.  Zielstrebigkeit zeichnete ihn bei der Umsetzung der neuen Leitgedanken aus: eine das Wir-Gefühl fördernde Einrichtung des Kircheninnern, Etappen des Laienapostolates, ein Pfarrgemeinderat oder Ministrantendienste auch für Mädchen (1970er). 

Nicht minder zweckvoll war sein Wirken über die Pfarrgrenzen hinaus.  Die Schaffung des Dekanats Büllingen (1968), die Initiative zur Gründung der Bischöflichen Schule in Büllingen (1970), die Übernahme der Dekanatsleitung (1973-1978) stehen beispielhaft für Kettmus‘ unerschütterlichen Einsatz. 

Dabei hatte sich der Pfarrer, jeweils im Verbund mit Zeitgenossen, bereits früher auch an höherer Stelle bemerkbar gemacht.  Etwa 1950 beim Verfassen einer Eingabe an das sogenannte Harmel-Zentrum (Zentrum der Forschung nach der nationalen Lösung der sozialen, politischen und rechtlichen Probleme der Wallonischen und der Flämischen Region).  Ihr Bestreben: die Anmahnung des Rechts „auf Schutz und Förderung der Sprache und Kultur nach dem letzten Kriege in den Ostkantonen“.

Und ebenso beim Ausloten unterstützender Kontakte für die ostbelgische Jugendarbeit. Die Priester sahen in einer Ausrichtung auf den flämischen Boerenjeugdbond die Grundlagen auch für die Organisation ihrer Jugendarbeit in den Pfarren.  Kettmus verstand und betätigte sich immer auch als politischer Mensch, dessen Beobachtung und Einschätzung nicht unbeachtet bleiben sollte. 

Beim Rückblick auf die von Kettmus angestoßenen Prozesse im Mikrokosmos der Pfarre wird ersichtlich, wie eifrig dieser Mensch für seine Ideen eintrat.  Sein Samen fiel stets auf guten Boden. Es fanden sich leise und engagierte Mitstreiter und Verbündete.  Das war gut so.  Denn es darf versichert werden, dass um Akzeptanz für alles Neue innerhalb der 40-jährigen Tätigkeit des streitbaren Pfarrers auch ständig gerungen werden musste, Widerstand und Widerspruch auch diesem modernen Geist nie erspart blieben. Die Dynamik, die die Pfarrkinder aus Kettmus‘ Initiativen aufnahmen und lebten, zielte dennoch eindeutig auf Nachhaltigkeit ab.  Aber sie ist so endlich wie die Begeisterung und manches Verständnis. 

So klar strukturiert wie die Schaffensperiode war auch die private Welt des Paul Kettmus, als er sich entschied, den Ruhestand ab dem Jahre 1983 in seinem Heimatdorf Schönberg zu verleben. Hier verstarb er am 4. Februar 2005 im Alter von 91 Jahren.

Auch heute noch beeinflussen Menschen Ostbelgiens Geschicke, obwohl sie nicht direkt etwas mit Politik zu tun haben. Sie setzen sich für Tier- und Umweltschutz ein, für die Rechte der Arbeiter, für ein besseres Zusammenleben oder andere Interessen ein. Sprich, sie beeinflussen unsere Gegenwart. Es lohnt sich also, einen Blick auf ihr Handeln und ihre Ziele zu werfen.

Lebensdaten: 27. November 1913 – 4. Februar 2005

Geburtsort: Schönberg

Wirkungsort: Mürringen

Sterbeort: Schönberg

Beruf/Funktion: Priester

Konfession: katholisch

Namensvarianten:

 

Quellen:

Primär

KELLER, Fredy, Eine Hochzeitsgesellschaft im Jahre 1938, in: ZVS, 1998.07, S. 138f

LEJEUNE, Carlo, Die Eingabe der belgischen Priester an die Harmel-Kommission 1950, in: ZVS 2015.09, S. 214f

MEYERS, Norbert, Stiller Visionär im Einsatz für eine offene Kirche von unten, in: Grenz-Echo v. 12.02.2005, S. 13

Sekundär

LENTZ, Jochen, Nr. 23, Landsturmmann Johann KETTMUS unter: Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 29 und seine Bedeutung für Eupen-Malmedy (Teil 2), in: ZVS, 2014.10, S. 222f

LEJEUNE, Carlo, Im Namen des Vaters, S. 27ff, in: LEJEUNE, Carlo, FICKERS, Andreas und CREMER, Freddy, Spuren in die Zukunft, Lexis Verlag, Büllingen, 2001

PALM, Gerhard, VELZ, Alfons, Pfarrheim Mürringen 1961-1986 – 25 Jahre im Dienste unserer Dorfgemeinschaft, Hg Pfarrgemeinde Mürringen, St. Vith, 1986

zurück zur Übersicht