Irene Janetzky

Menschen machen Geschichte

Warum lohnt es sich einen Blick auf das Leben Irene Janetzkys zu werfen? Ganz einfach: auch Frauen machen Geschichte. Wenn wir uns die heutige Geschichtslandschaft Ostbelgiens ansehen, dann fällt etwas auf: Viele Männer schreiben über andere Männer. Dabei haben Frauen die Geschichte Ostbelgiens genauso geprägt wie Männer: als Politikerinnen, Mütter, Geschäftsfrauen, Mägde oder auch als Gründerinnen der Sendungen in Deutscher Sprache. Grund also, einen Blick auf das Leben Irene Janetzkys zu werfen.

Quelle: Tonarchiv des Belgischen Rundfunks

 

Die Frau, die fast im Alleingang die Grundsteine des heutigen Belgischen Rundfunks legte, hat in der bisherigen Historiographie Ostbelgiens noch recht wenig Beachtung erfahren. Das liegt mithin wohl daran, da Irene Janetzky in Ostbelgien hauptsächlich durch ihre Stimme präsent war. Janetzky wurde am 13. Mai 1914 in Duisburg geboren. Seit 1945 beeinflusste sie die Geschicke der « Emissions en langue allemande » (dt. Die Sendungen in deutscher Sprache). Die Frau an der Spitze der Sendungen in deutscher Sprache war Tochter eines Hafeningenieurs. Der Name Janetzky rührt von der schlesischen Herkunft des Vaters, der aus Ratibor (heute Racibórz, Polen) stammte. Janetzkys Mutter stammte aus Bingen am Rhein. Kurze Zeit nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs und einige Monate nach der Geburt Janetzkys, verstarb ihr Vater im September 1914 an der Westfront. Ihre verwitwete Mutter lernte Bernhard Willems, der heute als wichtiger Historiker Ostbelgiens bekannt ist, kennen. Willems war zu diesem Zeitpunkt Lehrer am Gymnasium in Malmedy. Nach Abschluss des Vertrags von Versaille und der belgischen Volksbefragung, nahm die Familie die belgische Staatsbürgerschaft an. Irene Janetzky verbrachte ihre Jugend in der malmedier Umgebung und besuchte das Königliche Atheneum in Malmedy, bevor sie eine Studienreise nach England und Italien in den dreißiger Jahren unternahm, um die dortigen Sprachen zu erlernen. Bernhard Willems trug in hohem Maße dazu bei, den Horizont seiner Stieftochter zu erweitern.

Der Kontakt zwischen dem Institut National de Radiodiffusion (INR), dem nationalen Rundfunkinstitut, und Janetzky kam zufällig zustande. Das Reichsgesundheitamt des nationalsozialistischen Regimes war während des Zweiten Weltkriegs in Malmedy im Haus Bernhard Willems untergebracht. Dieses Haus wurde von Willems nach dem Zweiten Weltkrieg den belgischen Behörden zur Verfügung gestellt, sodass er mit diesen in Kontakt war. Nach dem Krieg kämpfte er für eine Informationsquelle für die deutschsprachigen Belgier.

In diesem Zusammenhang existiert ein Schreiben, in dem zusagt wird, dass Janetzky während einer unbestimmten Zeit für die Sendungen in deutscher Sprache arbeiten könne. Bemerkenswert ist hierbei, dass der Brief nicht an Janetzky adressiert ist, sondern an Willems. Das Schreiben wurde durch einen Vertrag, unterschrieben durch Theo Fleischmann, Pionier des belgischen Radios während der Zwischenkriegszeit, unterzeichnet. Interessanterweise wurde der Vertrag am 4. Oktober 1945 – also drei Tage nach der ersten Sendung der Sendungen in deutscher Sprache – unterschrieben. Das verdeutlicht nochmal, dass das « […] engagement ne […] donne aucun droit quelconque pour l'avenir. » und auf welch gläsernen Füßen der Sender für die deutschsprachigen Belgier in den Anfangsjahren stand.

Janetzky kann durchaus als eine Pionierin des belgischen Rundfunks bezeichnet werden. Als eine der ersten Sprecherinnen des INR prägte sie den Ton, den die belgischen Behörden im Umgang mit den deutschsprachigen Bürgern anschlug, entscheidend. Aufgrund ihrer Sprachenbegabung moderierte Janetzky die erste Ausgabe des Eurovision de la Chanson im belgischen Fernsehen. Auch begleitete sie mehrere belgische Auslandsdelegationen auf Reisen, unter anderem in die Vereinigten Staaten.

Die Privatarchive Janetzkys zeigen, dass sie über ein Netzwerk in ganz Belgien verfügte. In den Dokumenten finden sich auch Spuren, die bezeugen, dass es mediale Kontakte in ganz Europa gab. Sie zeigen, wen Janetzky auf verschiedenen Reisen traf und in welchen Organisationen sie Kontakte knüpfen konnte. Ein Name der belgischen Politik, der hier und da auftaucht, ist der Familienname Nothomb. Verschiedene Briefe deuten an, dass es persönliche Bindungen zwischen der Familie Janetzky und verschiedenen Mitgliedern der Familie gegeben haben muss. Auch zeigen die Archive der RTB im Generalstaatsarchiv, dass vor allem Pierre Nothomb – der sich nach dem Ersten Weltkrieg für die Angliederung Eupen-Malmedys an Belgien einsetzte – die Entwicklungen innerhalb des ostbelgischen Senders genau beobachtete.

Wie schon oben besprochen, ebnete sie während geraumer Zeit den Weg für die Sendungen in deutscher Sprache. Unter anderem – und das zeigt erneut, wie sie in Kontakt mit anderen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten stand – war sie Mitbegründerin des Ring deutschsprachiger Sendungen. Eine Organisation, die den Austausch von deutschem Programmangebot zwischen den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten erleichtern sollte. Die Sitzungsprotokolle zeigen, dass Janetzky versuchte, die Kollaboration zwischen den Institutionen zu stärken, aber ohne ein ausreichendes Budget keine Programminhalte zur Verfügung stellen oder dafür bezahlen konnte. Sie – und dadurch auch der Belgische Hörfunk – waren vom guten Willen der anderen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten abhängig.

Janetzky war ebenso Mitglied der International Association of Women in Radio and Television, eine internationale Vereinigung von Frauen für Frauen. Ziel war es die Frauen der Medienwelt zu einen, den Wiederaufbau Europas voranzutreiben und grenzüberschreitende Netzwerke aufzubauen. Dabei waren die Mitglieder der Vereinigung hauptsächlich Pionierinnen der Radio- und Fernsehwelt, die größtenteils Frauensendungen gestalteten, die informativ und bildend sein sollten.

Obwohl der Belgische Hörfunk unter der Leitung Janetzkys vor allem ein Sprachrohr Brüssels in Richtung Ostbelgiens war und sich besonders durch die Thematisierung "belgischer" Themen für die Integration der deutschsprachigen Belgier einsetzte, bekannte sich Janetzky nicht klar zu einer politischen Partei. Sie sei aber eher liberal, « libéralisante », gewesen. Sie versuchte aus einem einfachen Grund über der Politik zu stehen: Janetzky glaubte, dass die politischen Akteure « ihre » Sendungen zerstörten. Im Inneren des BHF versuchte sie ein politisches Gleichgewicht zu erhalten, indem sie eine objektive Berichterstattung anmahnte. Ebenso hatte sie eine recht zwiespältige Meinung, was die politische Entwicklung Belgiens anbelangt, da sie einerseits mit der Form der Kulturautonomie unzufrieden war, andererseits sah sich Janetzky aber als eine der Initiatorinnen dieser Entwicklung.

Was die Autonomiedebatte anbelangt, hat Janetzky nicht direkt Partei ergriffen. Auch hat sie die Debatte nicht im Keim erstickt, indem sie die Objektivitätsregeln der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit eiserner Hand durchsetzte. Viel mehr gefiel ihr die Art der freieren Berichterstattung ihrer jungen Sprecher und Radiojournalisten am Ende der 1960er Jahre.  Sie tendierte zu einer Verteidigung ihrer Mitarbeiter und hatte eine recht weite Auffassung der Pressefreiheit. Obwohl sie also für eine stärkere Bande zwischen dem Königreich Belgien und den deutschsprachigen Belgiern sorgen wollte, unterdrückte sie keineswegs die Berichterstattung ihrer Mitarbeiter über die Autonomie Ostbelgiens.

Sie bekam im Laufe ihrer Tätigkeit ebenfalls mehrere Auszeichnungen verliehen. Unter anderem erhielt sie das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, 1975, das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 1973, den Orden Polonia Restituta, 1965, sowie die Ränge « Chevalier » (1964) und « Officier » (1968) des Leopoldsorden verliehen.

Nach 29jähriger Tätigkeit legte sie ihre Funktion als Direkorin des BHF 1974 nieder.

Und heute? Wie prägen Frauen noch heute die Geschicke in Ostbelgien? Fallen dir noch andere Frauen ein, die die Geschichte Ostbelgiens nachhaltig beeinflusst haben? Gab es auch in Ostbelgien einen Aufbruch in den 1970er Jahren, der die Emanzipation der Frau zum Ziel hatte?

Lebensdaten: 31. Mai 1914 - 2005

Geburtsort: Duisburg

Wirkungsort: Brüssel

Sterbeort:

Beruf/Funktion: Journalistin

Konfession:

Namensvarianten: Irena

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