WAS IST SCHON WIRKLICHKEIT?

Ein Bild und seine Geschichte

Von Carlo Lejeune

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Auf den Titelseiten der Hochglanzmagazine strahlen uns Frauen und Männer an, die auf diesen Abbildungen fast unwirklich schön sind. Wer im Internet recherchiert, findet Alltagsbilder dieser Stars: ungeschminkt, ungeschönt, einfach menschlich. Die Darstellungen der Geschminkten haben meist wenig gemein mit denen der Ungeschönten. Fotobearbeitung ist heute alltäglich, Fotoretusche ist (fast) so alt wie die Fotografie selber.

Doch das gilt auch für den Film. Leni Riefenstahl verwandelte beispielsweise in ihren Filmen die reale Welt durch geschickte Manipulationen. Sie schuf künstliche Bilder mit manipulierter Botschaft. So instrumentalisierte sie die Emotionen der Zuschauer. Heute ist die Filmindustrie noch einen Schritt weiter: Spätestens seit Erscheinen der Trilogie „Der Herr der Ringe“ (2001-2003) wissen wir, dass das, was wir im Film als Realität wahrzunehmen glauben, sogar nichts anderes als die filmische Vortäuschung einer nicht bestehenden Welt sein kann.

Heute spielen in der Medienberichterstattung manipulierte Nachrichten, Bilder und Filme ("Fake News") eine zunehmend wachsende Bedeutung.

1935 erschien das Buch „Die Kunstdenkmäler von Eupen-Malmedy“. Heribert Reiners und Heinrich Neu inventarisierten Kirchen, Kapellen und Sakralgegenstände Ostbelgiens. Andere Autoren legten fast zeitgleich ähnliche Werke für andere Kreise des Rheinlands vor. Sie stellten die Kunstdenkmäler über eine historische Einordnung in einen lokalgeschichtlichen Rahmen. Diese wichtige Arbeit inspiriert bis heute die Lokalhistoriker. Ein Teil der damals gemachten Bilder ist erhalten.

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Die Aufnahme des Ortes Neundorf (wohl aus dem Jahr 1933 oder 1934) liegt in zwei Versionen vor, die kurz hintereinander aufgenommen wurden. 1929 wurde der Ort elektrifiziert. Auf einer Aufnahme sind die Strommasten im Ort zu sehen. Auch ein Pferdefuhrwerk befährt die Dorfstraße. Auf einer zweiten, leicht versetzten Aufnahme sind die Strommasten, die damals als Zeichen der Moderne gedeutet werden konnten, ebenso wegretuschiert wie das Fuhrwerk. Warum die Autoren dies so wünschten, darüber können wir nur spekulieren: Wollten sie ein Propagandabild des rückständigen, stromlosen Belgiens zeigen? Oder wollten sie dem Leser ein Bild fast perfekter Dorfidylle unterjubeln? Im 1935 gedruckten Buch taucht alleine die retuschierte Fassung auf.

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