Die Heimkehr der verlorenen Söhne

Ein Bild und seine Geschichte

Von Carlo Lejeune

Auf den ersten Blick erscheint dieses Bild wie ein normales Familienbild. Es wurde am Sonntag, dem 3. März 1946, in Faymonville aufgenommen. Am 23. Februar war Karl als letzter Sohn der Familie Chavet nach Hause zurückgekehrt. Auch er war, wie fast alle ostbelgischen Soldaten, nach seiner Freilassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft und seiner Rückkehr nach Ostbelgien zunächst verhaftet und in Verviers inhaftiert worden.

Der 3. März war somit ein Tag der Freude. Der Großvater hatte die gesamte Familie zu diesem besonderen Fest eingeladen. Zwar war das Heimatdorf der Chavets durch die Ardennen-Offensive weitgehend zerstört worden, doch alle Söhne und Familienangehörigen überlebten den Krieg. Sie waren in der Region eine Ausnahme. Von den rund 8.800 ostbelgischen Soldaten wurden 3.200 Männer im Krieg getötet oder wurden vermisst – an der Front oder in Gefangenschaft. Zahlreiche Zivilisten waren verletzt oder getötet worden. Zahlreiche Kinder wuchsen in den folgenden Jahren ohne Vater auf.

Was die Männer, Frauen und Kinder auf diesem Bild im Moment der Aufnahme über Krieg und Frieden dachten, das wissen wir nicht. Bekannt ist, dass der erste Sohn, Franz, schon im Ersten Weltkrieg gedient hatte. Er war Pazifist, vermutlich durch die brutalen Erlebnisse.

Heute präsentieren viele Staatsmänner großer Nationen Krieg wieder als normales Mittel der Politik. Das Mächtegleichgewicht während der Zeit des Kalten Krieges ist spätestens seit den 1990er Jahren deutlich gestört. Zahlreiche regionale Konflikte werden äußerst brutal ausgetragen (wie z. Bsp. in Syrien).

Die Erfahrungen mit Krieg sind heute höchst unterschiedlich: Russen verweisen darauf, dass ihr Land in den vergangenen fünf Jahrzehnten fast immer im Krieg war. Sie kämpften u.a. in Afghanistan (mit 15.000 getöteten russischen Soldaten), Tschetschenien, auf der Krim, in der Ukraine und in Syrien. Auch die US-Army intervenierte fast weltweit ebenfalls ohne Unterbrechung in zahllosen Konflikten, wie im Irak (4.411 getötete Soldaten) oder Afghanistan (2.346 getötete Soldaten).

In Europa hat es seit über 70 Jahren hingegen nur noch vereinzelt Krieg gegeben. Sie machten aus dem Südosten Europas einen zerrütteten Teil der „heilen Welt“ mit zigtausenden Toten. Gleichzeitig tragen auch europäische Staaten noch immer Krieg in die Welt. In den letzten zehn Jahren wurden in der Bundeswehr 122 Soldaten, seit 1945 wurden 252 belgische Soldaten in Ausübung ihres Dienstes getötet. Haben wir in Westeuropa überhaupt noch das Gefühl, dass Frieden keineswegs selbstverständlich ist, sondern harte, tägliche politische Arbeit, zu der jeder beitragen sollte?

Lesetipp: Philipp Beck, Bernhard Liemann, Peter M. Quadflieg, René Rohrkamp, Vom europäischen Krieg zum Weltkrieg. Militär und Kriegserfahrung während 130 Jahren, in: Carlo Lejeune (Hg.), Grenzerfahrungen. Eine Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, Bd. 3: Code civil, beschleunigte Moderne und Dynamiken des Beharrens (1794-1919), Eupen 2016, S. 50-74.

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