Morgens Grenz-Echo, abends Tagesschau

Ostbelgische Erinnerungsorte

Lange Zeit gab es ein morgendliches und ein abendliches Ritual, das nahezu alle Ostbelgier teilten. Auch dieser Erinnerungsort sagt viel über die Ostbelgier aus und hilft sie besser zu verstehen. Während dieses Rituals wurde die Gedankenwelt vieler Ostbelgier auf gleiche Weise beeinflusst. Es zeigt, dass auch nationale Erinnerungsorte gar nicht so national sind, wie es manchmal scheinen mag.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Grenz-Echo die einzige deutschsprachige Tageszeitung Belgiens. Henri Michel, Chefredakteur des Blattes, verstand es während zwanzig Jahren die Zeitungsleserschaft Ostbelgiens nach Belgien zu orientieren. Mit einer etwas offeneren Haltung versuchte dies auch sein Nachfolger Heinrich Toussaint bis 1985. Als einziges Ostbelgisches Blatt – unterbrochen von einigen Intermezzos der Neuen Nachrichten oder der Sankt Vither Zeitung – erreichte es morgendlich fast jeden Haushalt zwischen Ouren und Kelmis. Die Namen der Journalisten Heinrich Toussaint, Freddy Derwahl oder Heinz Warny sind den meisten Ostbelgiern geläufig. Allmorgendlich neigten sich die Köpfe vieler Ostbelgier also über Informationen aus der Region oder dem belgischen Staat.

Genau so geläufig sind aber auch die Namen der Tagesschaumoderatoren, die ab 1952 die Ostbelgier mit Nachrichten aus Deutschland versorgten. So fasst eine Hörerumfrage aus dem Jahr 1970 des Belgischen Hörfunks zusammen: „In Bezug auf die Fernsehstationen, wählen 80 Prozent der Fernsehzuschauer das deutsche Programm, d.h. ARD und ZDF. [1]

Mache doch einmal ein Experiment: An was denkst du, wenn du „20:15“ hörst? Die meisten werden dabei wahrscheinlich an den Beginn des „Hauptsendezeit“ gedacht haben. Viele Ostbelgier werden ab 20:15 mit den deutschen Zuschauern synchron geschaltet und erleben das Fernsehen so, wie es ihre Nachbarn tun. In anderen Ländern, auch in Belgien, gibt es „20:15“ nicht.

In den letzten 20 Jahren hat sich die Mediennutzung auch in Ostbelgien stark gewandelt. Das Fernsehen verlor gegenüber dem Internet an Bedeutung. Die Zeitung existierte unter den Massenmedien mit gleichbleibender, relativ schwacher Reichweite fort. Die jüngere Generation verwendet den Fernseher seltener, dafür umso häufiger das Internet. Erinnerungsorte wandeln sich beständig.

Die beiden Erinnerungsorte Grenz-Echo-Lektüre und Tagesschau machen wiederum deutlich, wie hybrid die Identität der Ostbelgier ist. Viele der deutschen Erinnerungsorte wie „Goethe“, „Duden“, „Käfer“ oder „D-Mark“ können Ostbelgier genau so gut wie ein Deutscher entschlüsseln. Ebenfalls verstehen Ostbelgier aber den Sinn von „Franken“, „Delhaize“ oder „Königshaus“, also urbelgische identifikationsprägende Dinge. So überkreuzen sich in Ostbelgien nationale Erinnerungsorte. Obwohl diese ein historisch-sozialer Bezugspunkt einer einzigen vorgestellten Gemeinschaft sein sollen, zeigt das Beispiel der Tagesschau und der Grenz-Echo-Lektüre, dass nationale Erfahrungsräume sehr leicht verschwimmen können.

 

[1] Belgischer Hörfunk, Meinungsumfrage 1970. Brüssel 1970.

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