Die Zwischenkriegszeit

Die belgische Regierung hatte sich die Eingliederung der Kreise Eupen und Malmedy - das heutige Ostbelgien - sehr einfach vorgestellt. Ein Übergangsregime sollte die Eingliederung des Gebiets zwischen 1920 und 1925 vorbereiten. Es besaß fast diktatorische Vollmachten und hatte den Auftrag „wie in einer Kolonie“ (Memorien Baltia) zu regieren. So konnte es die Pressefreiheit komplett aufheben. Im Gegenzug bemühte das Regime sich, die deutsche Sprache und Kultur zu respektieren und für das neue Vaterland zu werben. Dies geschah über Verbote (wie beispielsweise den Einfuhrstopp deutscher Zeitungen), Investitionen (Bau von Schulen, Kirchen, Talsperren u.a.) oder die Förderung neuer Wirtschaftszweige.

Doch schnell kehrte Ernüchterung ein, als die belgische Öffentlichkeit merkte, dass die „wiedergefundenen Brüder“ nur die Sprache des ehemaligen Feindes Deutschland sprachen, die französische Sprache kaum verstanden und Belgien gegenüber sehr zurückhaltend waren.

In den belgischen Parteien gab es zudem unterschiedliche Meinungsgruppen: Die Sozialistische Partei setzte sich für eine neue, faire Volksabstimmung ein. Die Politiker der konservativen Parteien forderten eine Französisierung der neuen Staatsbürger. Die französische Sprache sollte schrittweise in den Schulen und in der Verwaltung eingeführt werden. Diese Grundhaltung entsprang jenem weit verbreiteten kolonialen Denken der Jahrhundertwende, das Souveränität mit einem Überstülpen von eigenen Werten, eigener Kultur und Sprache verband.

Nach der Eingliederung in den belgischen Staat wurde das heutige Ostbelgien vollwertiger Bestandteil des belgischen Staates. Dieser besaß schon seit 1830 eine sehr liberale Verfassung und war eine Demokratie. Die Regierung versäumte es aber, ihre Integrationspolitik fortzuführen. Mehrere Aktionen (wie der Versuch, die Region 1926 an Deutschland zu verkaufen) waren sehr unglücklich.

Ab 1925 förderten deutsche Ministerien die deutsche Kultur, Presse und Wirtschaft auf dem Gebiet. 1929 wählten 75 Prozent der Wähler Parteien, die sich für eine neue, faire Volksabstimmung und eine Rückkehr nach Deutschland einsetzten.

Nach der Machtübernahme durch die Nazis in Deutschland 1933 wurde die Förderung der prodeutschen Meinungsgruppe durch eine aggressive nationalsozialistische Propaganda abgelöst. Die Bevölkerung war gespalten. Auf der einen Seite stand die Meinungsgruppe, die sich im neuen Vaterland Belgien einrichten wollte, auf der anderen Seite die Meinungsgruppe, die sich für eine Rückkehr ins alte Vaterland Deutschland einsetzte und ab 1936 zunehmend in den Sog der nationalistischen Weltanschauung geriet. Dieses Geschichtsbild setzte sich im kollektiven Gedächtnis auch fest.

Aus heutiger Sicht hat sich der belgische Staat um eine Integration bemüht, die aber nicht glückte – vor allem wegen der aggressiven Propaganda des Dritten Reiches. Zu wenig ist Belgien auf die Interessen der Bevölkerung eingegangen. Der Staat versäumte es, die deutsche Kultur der neuen Minderheit als Teil des belgischen Staates anzunehmen und aktiv zu fördern. Zudem stand der belgische Rechtsstaat vor der Frage, welche demokratischen Instrumente er gegen jene Menschen einsetzen konnte, die sich gegen ihn stellten.

  Adeline Moons und Jeroen Petit meinen hierzu: In Flandern und Belgien gab es ähnliche Tendenzen nach der Trennung vom Vereinigten Königreich der Niederlande. Es gab – und heute gibt es sie auch noch – Menschen, die für eine Wiedervereinigung Flanderns, oder ganz Belgiens, mit den Niederlanden sind, um so Dietsland zu formen. Diese Menschen werden Dietsländer genannt. In Flandern waren diese Menschen allerdings nur eine kleine Minderheit. In Ostbelgien waren weit mehr Menschen für eine Zugehörigkeit mit Deutschland. Wahrscheinlich gibt es in jedem Landstrich, der mal Teil eines anderen Landes war, Menschen, die nostalgisch an ihre früheren Herrscher zurückdenken.

 

 

zurück zur Übersicht