Die Französisierung

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die belgische Regierung ihre liberale Politik der Zwischenkriegszeit nicht fortsetzen. Sie galt als Fehler. In der Logik des französischsprachigen Zentralstaates „sprach ein guter Belgier Französisch". Der Staat bemühte sich die deutsche Sprache aus der Region zu verdrängen. Die besten Mittel dazu schienen die Französisierung der Jugend durch das Unterrichtswesen zu sein, die geistige Orientierung der Ostbelgier nach Innerbelgien, die Verbreitung eines übersteigerten belgischen Nationalismus sowie die weitgehende Schließung der deutsch-belgischen Grenze.

Ab den 1950er Jahren regte sich in Ostbelgien vereinzelt Widerstand gegen diese Politik. Weiteren Aufschwung erhielt diese Entwicklung ab den 1960er Jahren durch die Spannungen zwischen Flamen und Wallonen. Vor allem die junge Generation in Ostbelgien sah ein, dass sie gegenüber Flamen und Wallonen nicht gleichberechtigt war.

Diese Entwicklung brachte zwei Meinungslager hervor: Auf der einen Seite standen die traditionellen Parteien, die zunächst wenig selbstbewusst den Respekt vor der deutschen Sprache anmahnten, wie er durch die Festlegung der Sprachengrenzen von 1962-63 vorgesehen worden war. Auf der anderen Seite standen junge Politiker, die über die 1971 gegründete Partei der deutschsprachigen Belgier die sofortige Gleichbehandlung und die gleiche Autonomie forderten, die Flamen und Wallonen gewährt wurde.

In der belgischen Politik setzte sich bei den Politikern, die den Zentralstaat in einen Bundesstaat umbauen wollten, die Einsicht durch, dass der Respekt vor der Kultur des anderen (Flamen, Wallonen, zweisprachige Brüsseler und Deutschsprachige) wichtig ist. Denn Kultur ist der Ausdruck der Identität eines Menschen.

Die Charta der autochtonen Minderheiten in Europa der FUEN begründet dies: Minderheitenpolitik ist aktive Friedenspolitik, trägt zum kulturellen und sprachlichen Reichtum bei und unterstützt das Selbstbestimmungsrecht der Menschen.

Wie demokratisch ein Staat ist, lässt sich immer daran ablesen, wie er mit seinen Minderheiten umgeht. Das Recht des Stärkeren lässt sich einfach durchsetzen, es ist aber weit schwieriger auf die Belange des Schwächeren einzugehen.

  Michel Pauly meint zur Situation sprachlicher Minderheiten in Luxemburg: In Luxemburg ist die Diskussion über die Art, wie man mit Minderheiten umgehen sollte, sehr groß, da es neben einer knappen Mehrheit an Luxemburgern, große portugiesische, französische und italienische Minderheiten und unzählige kleinere und kleinste Minderheiten, die alle zusammen das luxemburgische Volk bilden, gibt. Dazu kommen noch einige hunderttausend Grenzgänger aus Frankreich, Belgien und Deutschland, die jeden Tag nach Luxemburg kommen, um dort zu arbeiten. Wenn die aktuelle massive Einwanderung anhält, wird die Zahl der Luxemburger in Luxemburg in den nächsten Jahren unter 50% fallen. Dann wird das luxemburgische Volk nur noch aus Minderheiten bestehen. Deshalb ist die Frage über den Umgang mit Minderheiten im eigenen Land von existenzieller Wichtigkeit, u.a. weil, theoretisch in einigen Jahren, dann weniger als die Hälfte der in Luxemburg lebenden Menschen wahlberechtigt sind, und das wird zu einem demokratischen Defizit führen, in dem eine angestammte Minderheit über alle andere bestimmen wird. Das Problem, dass zu wenige Einwanderer Luxemburgisch – die Integrationssprache in Luxemburg – lernen würden, stimmt so nicht und kann mit einem Blick auf diesbezügliche Statistiken direkt von der Hand gewiesen werden. Ein anderes Problem ist eher die Angst der angestammten Luxemburger, dass das Französische, was in ganz Luxemburg in verschiedenen Situationen des Alltags gebraucht wird, das Luxemburgische verdrängen würde. Diese Angst ist irrational und basiert auf Gefühlen, die in unüberlegten politischen Abenteuern ausarten kann. Dieses „Schreckensszenario“ wird aber nicht stattfinden, solange Luxemburgisch die Integrationssprache bleibt und man an der Dreisprachigkeit Luxemburgs festhalten wird.

 

 

Bis zur Jahrtausendwende wurden diese politischen Auseinandersetzungen kontrovers diskutiert: Die einen forderten selbstbewusst gleiche Mitspracherechte, die anderen argumentierten aus einer Perspektive der Vorsicht und eines Drangs der Anpassung.

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