"Soyez-Bienvenu": Eine Karikatur der PDB

Lass uns zuerst beschreiben, was wir auf der Karikatur sehen: Wir sehen drei Männer, die einen Karren in eine Richtung ziehen. Die Männer tragen auf ihren Mänteln die Namen der drei ostbelgischen traditionellen Parteien: PFF (Liberale), SP (Sozialisten) und CSP (Konservative). Der Karren trägt die Aufschrift „Deutschbelgien“, also eine Bezeichnung Ostbelgiens, die Autonomiebefürworter verwendeten. Wir sehen Ruinen und einen Banner mit der Aufschrift „Soyez-Bienvenu“ (Seid herzlich willkommen).

Platzhalter Erklärungstext
Die Karikatur der PDB.

Offensichtlich stammt die Karikatur aus dem Jahr 1982, wie eine kleine Zahl neben den Initialen des Zeichners zeigt. Wir müssen uns also die Frage stellen, was im Jahr 1982 passierte. Am Anfang der 1980er Jahre wurde die zweite belgische Staatsreform geplant und durchgeführt. Nachdem Belgien von 1968 bis 1971 in Kulturgemeinschaften eingeteilt worden war, erfolgte nun die Einteilung des Landes in Regionen. Diese Regionen waren für die wirtschaftliche Entwicklung verschiedener Gebiete zuständig. Wie diese Gebiete aussehen sollten, war in Belgien und Ostbelgien Thema langanhaltender Diskussionen.

Die PDB sprach sich im Gegensatz zu den drei traditionellen Parteien in dieser Zeit klar gegen eine wirtschaftliche Zugehörigkeit des deutschen Sprachgebietes zur Wallonie aus. Die PDB war eine Partei, die sich für eine gleichberechtigte Autonomie Ostbelgiens gegenüber Flandern und der Wallonie einsetzte. Die Karikatur veranschaulicht das Stimmungsbild unter den ostbelgischen Parteien auf sehr prägnante Weise und legt vor allem die Argumente der PDB offen:

Zunächst verdeutlicht das Bild, welchen Diskurs die PDB gegenüber den anderen Parteien vermittelte. Alle drei Parteien zögen Ostbelgien in die Wallonie hinein. Hierfür steht stellvertretend der Banner „Soyez-Bienvenu“, der auf die frankophone Wallonie verweist. Hiermit verdeutlicht der Zeichner die Haltung der PDB: Diese befürchtete, dass Ostbelgien französisiert und in der Wallonie aufgehen würde, wenn man das Gebiet nicht genug schützte.

Aber auch die wirtschaftliche Strategie der Partei wird offengelegt: Die Häuser zu denen der Karren gezogen wird, sind nicht intakt. Es sind Ruinen. Hiermit gab der Zeichner überspitzt die Meinung der PDB wieder. Die Partei wollte wirtschaftlich kein Teil der Wallonie werden, da man nicht am wirtschaftlichen Niedergang des Gebietes – hierfür stehen die Ruinen – teilhaben wollte. Zur Erinnerung: Das vormals wirtschaftlich starke Gebiet befand sich seit den 1960er Jahren in einer Krise, die sich in den 1970er und 1980er Jahren noch intensivierte. Die PDB hatte Angst, dass sich diese strukturelle Schwäche der Wirtschaft bei einer Angliederung an die Wallonie auf Ostbelgien übertragen würde. Auch argumentierte man, dass Kultur und Wirtschaft untrennbar miteinander verbunden seien. Nicht umsonst spreche man beispielsweise von ‚Unternehmenskultur‘. Die Partei strebte daher eine eigene Region Ostbelgien oder eine stärkere wirtschaftliche Anbindung an das Rheinland an.

Letztlich wurde Ostbelgien während der zweiten Staatsreform ein Teil der Wallonischen Region. Ab diesem Zeitpunkt existierten drei Regionen in Belgien: die Wallonie, Flandern und Brüssel. Ab 1999 strebten alle Parteien (außer Vivant) Ostbelgiens eine wirtschaftliche Trennung von der Wallonischen Region und die Schaffung einer „vierten Region Ostbelgien“ an.

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