Wirtschaft im Nationalsozialismus: eine Karikatur

Die Eupener Nachrichten vom 29. März 1939, kurz vor den Wahlen. Auf Seite zwei der Zeitung ist eine Karikatur abgedruckt, die im Wahlkampf Stimmung machen soll.

Beschreiben wir zunächst, was wir sehen. Die rechte Seite des Bildes stellt Deutschland dar. Am Horizont qualmen die Schlote von Fabrikanalagen. Im Vordergrund sehen wir Arbeiter. Sie strotzen vor Kraft und sind muskulös. Ein Hakenkreuz steht für Deutschland und die wirtschaftliche Organisation durch den Nationalsozialismus. Auf der linken Seite sehen wir das Wappen des Brabanter Löwen, es steht für den belgischen Staat. An der Grenzschranke zwischen den beiden Ländern lehnen Arbeiter, die offensichtlich nichts zu tun haben. Ihre Haltung ist gebeugt und sie sehen niedergeschlagen aus. Im Hintergrund ist eine belgische Fabrikanlage zu sehen. Ihre Schlote qualmen nicht. Neben dem Bild lesen wir die Beschreibung: „In Belgien: Arbeitslosigkeit! In Deutschland Mangel an Arbeit!“

Platzhalter Erklärungstext
 

Worauf wollten die Macher der Karikatur hinaus? Zweifelsohne stammte die Karikatur aus der Feder eines Anhängers der Heimattreuen Front. Die Heimattreue Front war eine Partei, die eine Angliederung des Gebietes Eupen-Malmedy an Deutschland forderte. Zur Erinnerung: Die Kreise Eupen und Malmedy waren 1920 nach einer undemokratischen Volksbefragung belgisch geworden. In den 1920er Jahren entwickelte sich daher eine revisionistische Bewegung in Eupen-Malmedy.

Nach dem Beginn der großen Wirtschaftskrise im Jahr 1931, spielte die wirtschaftliche Lage Eupen-Malmedys für die Argumentation der Revisionisten eine immer größere Rolle. Die Bevölkerung des Gebietes konnte als Grenzbevölkerung eine rasche wirtschaftliche Erholung Deutschlands nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten beobachten. Auf diese bessere wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands soll dementsprechend auch die Karikatur aufmerksam machen: „Seht her, während es uns momentan in Belgien schlecht geht, entwickelt sich die Wirtschaft in Deutschland prächtig.“ Tatsächlich: Belgien ging es in den 1930er Jahren wirtschaftlich schlecht. Erst am Ende des Jahrzehnts nach Steuererhöhungen, Notsteuern, Gehaltskürzungen und Währungsabwertungen war langsam Besserung in Sicht.

Allerdings verbirgt die Karikatur viel mehr als wir sehen: Die deutsche Wirtschaft funktionierte in den 1930er Jahren ‚auf Pump‘. Der Staat investierte horrende Summen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, u.a. in die Kriegswirtschaft oder Projekte wie die noch nutzlosen Autobahnen. Lediglich ein Krieg konnte dieses Wirtschaftswachstum auf Dauer aufrecht erhalten. So schreibt auch der Historiker Götz Aly: „In ihrer Propaganda prahlten die NS-Führer, sie würden das Fundament für das Tausendjährige Reich legen, im Alltag wussten sie nicht, wie sie am nächsten Morgen ihre Rechnungen begleichen sollten“. Es ist die Anziehungskraft faschistischer Regime, die uns durch diese Karikatur vor Augen geführt wird. Denn auch dazu dienen Karikaturen: Zur Verfälschung existierender Situationen.

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