Die Säuberung (1945-1950)

Im Krieg wurden Menschen getötet und Dörfer zerstört. Selbst Nachbarn haben sich während dieses Krieges bekämpft – mit Worten, Schikanen, Denunziationen und selbst Waffen. Unglaubliches Unrecht ist geschehen. Wohl jeder fühlte sich seelisch verletzt. Die Eupen-Malmedyer hatten zudem nach der Annexion für die deutsche Wehrmacht gekämpft – auch gegen Belgien, das nun wieder ihr Vaterland war. Ich frage dich: Wie kann eine solche Gesellschaft nach dem Krieg Frieden mit sich selber und mit anderen finden? Wie kann begangenes Unrecht gesühnt werden? Ist Gerechtigkeit nach solchen Zeiten der Willkür überhaupt möglich? Ostbelgien ist eine Nachkriegsgesellschaft von vielen mit einem eigenen Weg.

1945 waren Eifel und Ardennen verwüstet, das Eupener Land befand sich in einer gesellschaftlichen Starre. Der Übergang zwischen der Kriegs- und der anstehenden Friedenszeit musste gestaltet werden.

Zerstoerung

Weite Landstriche im Süden der Ostkantone waren komplett zerstört. Der Wiederaufbau prägte die Zeit nach dem Krieg. Quelle: Staatsarchiv Eupen.

In Belgien beherrschten der Drang nach Gerechtigkeit und Rache die Nachkriegsjahre. Nach vier Jahren Besatzungszeit sollten Kollaborateure zur Rechenschaft gezogen und Spione und Verräter abgeurteilt werden. Alles, was an den verhassten Besatzer erinnerte, sollte ausgemerzt werden. Dabei stellten viele Belgier Nationalsozialismus, deutschen Nationalismus, aber auch deutsche Sprache und Kultur auf eine Ebene. Die wohlgemeinten Bemühungen der Entnazifizierung und der Bestrafung von Kollaborateuren verankerten sich im kollektiven Bewusstsein unter den Schlagworten „répression“ (strafrechtliche Verfolgung) und „épuration“ (Säuberung). Ab August 1944 entstand in Belgien eine wahre Säuberungshysterie, die sich vor allem gegen Kollaborateure richtete. Dies war auch in Frankreich, der Tschechoslowakei, Polen und vielen anderen Ländern Europas der Fall.

Sie setzte im September 1944 auch in Ostbelgien mit seinen rund 60.000 Einwohnern ein und klang erst in den 1950er Jahren langsam aus. In diesem Zeitraum setzten der belgische Widerstand – die sog. Weiße Armee – oder die Militärauditoren in den ehemaligen Kantonen Eupen und Malmedy mindestens 6.000 bis 7.000 Bürger in Internierungslagern oder Gefängnissen fest. Für die rund 60.000 Einwohner der Kantone Eupen und Malmedy wurden 18.427 Gerichtsakten angelegt, 3.201 Mal wurde Anklage erhoben, 1.503 Bürger wurden verurteilt. Das war das Vierfache des belgischen Durchschnitts. Rund 10.000 Bürgern – ihre Angehörigen sind in dieser Zahl eingerechnet – sollte 1946 die belgische Staatsbürgerschaft entzogen und ihre Abschiebung nach Deutschland durchgeführt werden. Schließlich waren „nur“ 461 Bürger von dieser Maßnahme des belgischen Staates betroffen, der hierfür ein Sondergesetz verabschiedet hatte.

Zimmermann

In Eupen organisierte der nie gewählte Bürgermeister Zimmermann die Nachkriegspolitik in der Stadt. Er rief unter anderem zur Denunaziation auf. Quelle: Staatsarchiv Eupen

Vielen Ostbelgiern wurden die Bürgerrechte ganz oder teilweise, befristet oder unbefristet aberkannt. 1946 waren zum Beispiel rund 50 Prozent der deutschsprachigen Männer von den Wahlen ausgeschlossen, Frauen erhielten erst 1948 das Wahlrecht. Bis Juni 1946 waren wohl deutlich mehr als 4.000 Bürger durch ein negatives Zivismuszeugnis, eine Bürgerlichkeitsbescheinigung, weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. In Unternehmen, Verwaltungen, Vereinen u.a. wurde gleichermaßen verfahren. Da unzählige Akten vernichtet oder von der Weißen Armee verschleppt worden waren und den Militärgerichten entsprechendes Beweismaterial fehlte, rief der Eupener Bürgermeister Zimmermann zu einer breiten Denunziation auf.

War das nun gerecht? Die belgische Regierung hatte die Annexion Eupen-Malmedys 1940 nicht anerkannt, da sie völkerrechtswidrig war. Den Übergang der Region an Deutschland hatte sie aber stillschweigend geduldet oder gar unterstützt. Nach 1945 sollte eine Politik der Härte in Ostbelgien geführt werden. Eine Sonderbehandlung schien vor dem Hintergrund der innenpolitischen Spannungen um die Säuberung kaum möglich. Deshalb sollten die ostbelgische Zivilbevölkerung ebenso wie die 8.800 Wehrmachtssoldaten aus der Region nach gleichen Maßstäben wie die Bewohner des besetzten Belgiens beurteilt werden. Dass dabei aber die Sonderrolle Ostbelgiens berücksichtigt werden sollte, war ein fast unmögliches Unterfangen.

Michel

Henri Michel war nach dem Krieg die einflussreichste Persönlichkeit in der medialen Landschaft. Als Grenz-Echo Chefredakteur hatte er die Intergration der deutschsprachigen Belgier im Nationalstaat zum Ziel. Während des Kriegs war er Insasse des Konzentrationslagers Sachsenhausen gewesen. Quelle: Staatsarchiv Eupen

Einerseits benötigten die belgischen Behörden längere Zeit, um den Alltag der Eupen-Malmedyer im Dritten Reich zu verstehen, andererseits klagten die Militärgerichte, dass ihnen zahlreiche Anzeigen gegen mögliche Kollaborateure vorlägen, der belgische Widerstand aber so massiv die Akten in der Region vernichtet oder verschleppt habe, dass kaum eine rechtsstaatliche Grundlage für eine Verurteilung vorhanden sei.

In der Bevölkerung wurde die Säuberung mehrheitlich als ungerecht empfunden. Ostbelgien sei annektiert und nicht besetzt gewesen, lautete die fast einhellige Begründung. In einer ersten Phase wurden zahlreiche, zum Teil harte Urteile gefällt, die in den Revisionsverfahren zu einem Großteil abgemildert oder ganz aufgehoben wurden.

Als Unrecht wurde auch die Nachkriegspolitik empfunden, die in Brüssel und im beigeordneten Bezirkskommissariat Malmedy für Ostbelgien entwickelt worden war: Die Grenzen zu Deutschland sollten weitgehend geschlossen und die Menschen nach Innerbelgien orientiert werden. Ein übersteigerter belgischer Nationalismus sollte verbreitet und die französische Sprache in Schule und Verwaltung durchgesetzt werden.

Für die belgische Eifel waren die Jahre nach dem Krieg aber noch aus einem anderen Grund wichtig. In dieser Zeit erfolgte der materielle Wiederaufbau der zerstörten Ortschaften, der bis in die 1960er Jahre dauerte. Während die Gemeinden im Inneren Belgiens von größeren Zerstörungen während des Kriegs verschont geblieben waren, war der Osten Belgiens weitgehend zerstört. In dieser Situation übernahmen gewisse innerbelgische Gemeinden Patenschaften für einige Ortschaften in Ostbelgien und linderten durch Lebensmittel- und Materialspenden die größte Not.

Grenze

Durch Massnahmen wie die Schließung der deutsch-belgischen Grenze sollte die Bevölkerung weiterhin in Belgien intergriert werden. Für die Grenzbevölkerung wurde sie zum alltäglichen Hemmniss. Auf dem Bild besucht der belgische Innenminister Auguste Buisseret die Grenze kurz nach dem Krieg. Staatsarchiv Eupen

Die Säuberung blieb bis Ende der 1990er Jahre ein Tabuthema in der Region. Emotional hatte jeder die Zeit anders erlebt und verarbeitet. Die Menschen hatten die Zeit aktiv beschwiegen und sich in eine Opferrolle zurückgezogen: Sie sahen sich als Opfer des Krieges durch die Annexion, durch die Einberufung der Soldaten in die Wehrmacht oder als Opfer der Ardennen-Offensive und als Opfer der Säuberung. Erst nach Öffnung der Archive erschienen erste Arbeiten, die das Thema wissenschaftlich erforschten und darstellten. Bis heute bleibt die Frage, warum die Säuberung in ihrer Grundintention, Gerechtigkeit herzustellen, scheiterte, für die Befriedung der Bevölkerung aber offenbar erfolgreich war.

Dieses Beispiel zeigt: Für die Gerichte war es in dieser außergewöhnlichen Situation ungemein schwer, so Recht zu sprechen, dass es auch von der Mehrheit der Betroffenen als gerecht empfunden wurde. Auch die Bürger hatten es schwer, die Taten ihrer Mitbürger gerecht einzuordnen. Wurde diese Zeit deshalb beschwiegen?
Heute sind wir schnell versucht, ein Urteil über einen anderen Menschen zu fällen. In sozialen Medien werden Menschen (anonym) beschimpft oder fertiggemacht. Vor Gericht beruhen diese Urteile immer auf nachvollziehbaren Fakten oder zumindest Indizien. Welche Informationen brauchen wir im Alltag, um uns eine Meinung zu bilden und ein Urteil zu erlauben?

Lesetipps:

Christoph Brüll: Belgien im Nachkriegsdeutschland. Besatzung, Annäherung, Ausgleich (1944-1958). Essen 2009.

Christoph Brüll, Els Herrebout, Peter M. Quadflieg (Hg.): Eine ostbelgische „Stunde Null“? Eliten aus Eupen-Malmedy vor und nach 1944. Annalen des Symposiums im Staatsarchiv in Eupen am 15. September 2012. Brüssel 2013 (Belgisches Staatsarchiv, Quellen und Forschungen zur Geschichte der deutschsprachigen Belgier, Bd. 6).

Carlo Lejeune: Die Säuberung, Bd. 2: Hysterie, Wiedereingliederung, Assimilierung (1945-1952), Büllingen 2007.

Carlo Lejeune: Die Säuberung, Bd. 3: Verdrängte Erinnerung – 340 Zeitzeugen berichten. Büllingen 2008.

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