Propagandistischer Auftakt: die ersten Bewegtbilder Ostbelgiens

Wir sehen die ersten Bewegtbilder Ostbelgiens vom 19. August 1919. Sie zeigen den Einmarsch belgischer Truppen in den vormals preußischen Kreisen Eupen und Malmedy, präziser: in der Stadt Malmedy.

Die Bilder müssen entschlüsselt werden, da sie propagandistisch aufgeladen sind. Der Auftraggeber der Bilder sollte das deutlich machen. Der Cinematographische Dienst der belgischen Armee hatte den Film gedreht und nutzte ihn zur Werbung für seine Sache, indem er ihn in belgischen Kinos zeigte.

Schon die erste Einblendung in dem kurzen schwarz-weiß Film macht dies deutlich. Der Titel „Le Retour à la Mère Patrie“ (dt. Die Rückkehr ins Vaterland) legt offen, dass der Film aus einer belgisch nationalistischen Perspektive gemacht wurde. Der belgische Staat glaubte 1918 mit Eupen-Malmedy ein Gebiet zurückzuerobern, das ihm zustehe. Dieses Gebiet hatte wie weite Teile des heutigen Belgiens zu den Österreichischen Niederlanden (vor 1792) gehört. Deshalb kehre das Gebiet zurück zu seinem Vaterland.

Quelle: Cinematek (Königliches Belgisches Filmarchiv); Public Domain Mark 1.0

Die Bewohner Eupen-Malmedys allerdings waren während des Nationalismus des 19. Jahrhunderts im Königreich Preußen sozialisiert worden. Sie fühlten sich als preußische Staatsbürger und verstanden Belgien nicht als ihr Vaterland.

Die Bilder die wir sehen, zeigen allerdings andere Einblicke. Menschen warten an den Straßenrändern und begrüßen in feinen Sommeranzügen und Kleidern die belgischen Truppen. „Malmédy vous salue“ (dt. Malmedy grüßt euch) vermittelt ein Banner am Eingang der Stadt, Belgienflaggen säumen die Straßen und Frauen überreichen Soldaten Blumen.

Allerdings müssen wir das, was wir sehen in Frage stellen. Der Cinematographische Dienst der belgischen Armee zeigt uns nur das, was wir sehen sollen: Die Kamera ist explizit auf die Menschenmengen gerichtet und nicht auf die leeren Straßen im Hintergrund. Wir sehen ebenfalls, dass viele Menschen aus Neugierde dem Einzug beiwohnen. Sie winken in die Kamera oder scharen sich um sie. Sie sahen vermutlich zum ersten Mal eine Filmkamera.

Für Belgien war es wichtig, die Ankunft der belgischen Armee als triumphalen Einzug darzustellen. Das Land wollte unbedingt, dass Eupen-Malmedy aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen ein Teil des Königreichs werden würde. Deshalb zeigte man auch Bilder des Lager Elsenborns im zweiten Teil des Films. Man wollte die strategische Bedeutung des Gebietes unterstreichen. Dementsprechend organisierte der Belgische Staat auch ein Jahr später eine undemokratische Volksbefragung. Die Bevölkerung sollte keinesfalls für einen Verbleib im deutschen Kaiserreich stimmen.

Auch sehen wir viele Einwohner Malmedys nicht. Wir wissen nicht, wie viele von ihnen in ihren Häusern waren und dem Einzug aus Protest fern blieben. In ähnlicher Weise müsse wir auch mit Filmaufnahmen und Fotografien des Einzugs deutscher Truppen am 10. Mai 1940 umgehen. Zwar sehen wir Menschen, die diesen Einmärschen beigewohnt haben, doch müssen wir uns immer wieder dieselben Fragen stellen: Welchen Teil der Bevölkerung sehen wir? Wer hat die Bilder gemacht? Aus welcher Perspektive ist der Film aufgenommen? Wie ist der Film geschnitten und welche Sinnzusammenhänge ergeben sich hieraus? Wie sind Filmaufnahmen kontextualisiert? Warum sollen wir diese Dinge sehen?

Was aufgrund bewegter Bilder vermeintlich sehr real wirkt, ist nach diesen Fragen meist viel unsicherer. Wir verstehen, dass Filme – obwohl wir sie sehen – nur eine Wahrheit von vielen abbilden.

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