Freizeit und Erinnerung: Das Wetzlarbad

Erinnerungsorte

Nur wenige Orte in Ostbelgien stehen stellvertretend für eine die ganze Gesellschaft betreffende Freizeitkultur. Das Wetzlarbad ist einer dieser Orte. Es steht für die von Arbeit freie Zeit und wurde zum Kristallisationspunkt der Freizeitpolitik der Stadt Eupen.  

Freizeit und körperliche Ertüchtigung der Bevölkerung waren Denkkategorien, die langsam in den 1920er Jahren aufkamen. Freizeit war natürlich zunächst der wohlhabenden Oberschicht vorbehalten oder konnte durch fortschrittlich denkende Industrielle gewährt werden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dann in zahlreichen europäischen Ländern (Deutschland 1918, Belgien 1921) der Achtstundentag für Arbeitnehmer (bei einer Sechs-Tage-Woche) eingeführt, der der Arbeiterschaft mehr Freizeit gab.

Tatsächlich steht das Eupener Wetzlarbad für die sich in den 1920er Jahren herausbildende Freizeitindustrie, für die Vergnügungs- und Zerstreuungskultur in der Weserstadt. Es steht damit nicht alleine in Eupen. Auch das Kino Capitol, das 1932 eröffnet wurde, war ein Ort der modernen Zerstreuung und der Erholung.

Platzhalter Erklärungstext
Das Wetzlarbad in der Zwischenkriegszeit (Bild: Staatsarchiv Eupen).

Das Wetzlarbad in der Eupener Unterstadt, an dem Flüsschen Hill gelegen, wurde am 5. Juni 1932 eingeweiht. Pläne des Aachener Architektenbüros Helg & Dauven dienten als Vorlage. Die Idee seines Stifters, Robert Wetzlar, war es, der körperlichen Ertüchtigung sowie dem entspannenden physischen Ausgleich der arbeitenden Bevölkerung zu dienen. Hierzu gab es ein Schwimmbecken nach Olympianormen sowie einen fünf Meter hohen Springturm. Das Wasser des Schwimmbads wurde aus der Hill zur Speisung des Beckens abgeleitet.

Da es als Gemeinschaftsbad geplant war, brachte es aber auch wegen der dort herrschenden Freizügigkeiten viel Unruhe in das sehr katholisch geprägte Städtchen. Vor allem dieser Aspekt macht deutlich, wie sich die Eupener Bevölkerung in den 1930er Jahren positionierte: Die Kirche versuchte zwar „Sitte und Moral“ zu beeinflussen, was die Bevölkerung aber trotzdem nicht davon abhielt, das Bad überwiegend zu den Zeiten zu besuchen, in denen Männer und Frauen gemeinsam baden durften.

In diesem Sinne prägte das Wetzlarbad das soziale Zusammensein der Eupener Bevölkerung bis zu seiner Schließung im Jahr 2012 über 80 Jahre lang. Generationen von Eupenern lernten dort im Sommer schwimmen oder trafen sich zum gemütlichen Beisammensein auf der Liegewiese. Noch in den 2000er Jahren besuchten teils über 20 000 Schwimmer pro Saison das Bad, was nochmal den Stellenwert desselben für das soziale Leben in Eupen hervorhebt.

An Wochenenden in der Nachkriegszeit zog das Bad gar 1500-2000 Badegäste pro Tag an und war damit nicht nur für die Bevölkerung der Stadt ein Publikumsmagnet. (GE, Die Reise- und Feriensaison 1947, 10/09/1947). In Rekordjahren (1989) waren es sogar bis zu 69 000 Besucher pro Saison.

Dementsprechend schätzte auch eine Schrift des Ministeriums der Deutschsprachigen Gemeinschaft die Bedeutung des Bades ein:

„Die Anlage ist aus architekturgeschichtlichen Gründen bedeutend, spiegelt die Entwicklung des Sportstättenbaus (vor allem in der Zwischenkriegszeit), die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie die Städtebau- und Siedlungsgeschichte der Stadt Eupen wider (...).“ (1)

Einen Durchbruch erlebten sowohl die Freizeit als auch die körperliche Ertüchtigung während der 1960er Jahre. Das Wirtschaftswunder und die steigende Produktivität machten es möglich, dass Angehörige aus Arbeiterfamilien und der Mittelschicht über immer mehr Freizeit verfügten und sich immer häufiger einen Besuch einer Freizeitveranstaltung leisten konnten. In den 1980er Jahren erfolgte eine Modernisierung des Bades.

Platzhalter Erklärungstext
Spielende Kinder im Eupener Wetzlarbad (Bild: Staatsarchiv Eupen).

Das Wetzlarbad war ein Gemeinplatz der Freizeitgestaltung der Eupener Bevölkerung. Die Debatten, die sich um Badebekleidung und das gemeinsame Schwimmen entbrannten, sind ein Sittengemälde des beginnenden 20. Jahrhunderts in Eupen. Nachdem das Bad, einer der kunsthistorischen Schätze des Viertels Hütte, im Jahr 2016 abgerissen wurde, bleibt zu hoffen, dass durch den Neubau des Bades ein Erinnerungsort des Nichtstuns und der Muße der Stadt fortexistiert.

 

Sabine Haring, Wer war Robert Wetzlar, in: Geschichtsliches Eupen XL (2006), S. 51-52.

(1) Minsterium der Deutschsprachigen Gemeinschaft (Hg.), Die Industriegeschichte der Eupener Unterstadt. Denkmalwerte Bauten des Industriezeitalters. Eupen 2015, S. 50.

zurück zur Übersicht