Der Wiener Kongress 1815

Ist die Entstehung Ostbelgiens ein „Unfall“ der Geschichte – und wenn ja, wie viele?

In der Logik der belgischen Nationalgeschichtsschreibung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts trat der belgische Staat das geistige Erbe der Spanischen und Österreichischen Niederlande an. Das war ein Gebiet, das sich in etwa dort befindet, wo heute Belgien ist. Auch das heutige Ostbelgien hatte weitgehend zu diesem Gebiet gehört. Deshalb schlussfolgerten die Nationalhistoriker, dass diese Grenzregion Jahrhunderte lang ein Teil Belgiens gewesen sei. Die Zugehörigkeit der Region zu Preußen, die im Rahmen des Wiener Kongresses (1815) festgelegt wurde, wurde von ihnen wie ein Unfall der Geschichte beschrieben. Dieser Gedanke fand seinen Niederschlag in dem noch heute geflügelten Wort der "wiedergefundenen Brüder".

  Mona Noé meint hierzu: Auch ich stamme aus einer grenznahen Region. Der Kreis Schleiden gehörte auch zu den Österreichischen Niederlanden und hätte eventuell Teil Belgiens werden können. Aber die Geschichte verlief anders, aus "hätte liegen können" wurde niemals "liegt". Mir stellt sich die Frage, ob historische Entwicklungen und damit die Gegenwart, in irgendeiner Weise vorhersehbar sind oder nur rückblickend nachvollziehbar sind? Vor allem, weil Erklärung und Perspektiven sich so oft von Region zu Region unterscheiden. So findet sich in der mir vertrauten deutschen Nationalgeschichtsschreibung ein anderer Ansatz der Geschichtsschreibung.

 

 

In der deutschen Nationalgeschichtsschreibung findet sich eine völlig andere Sichtweise. Im Zuge der Romantik war der Begriff der Kulturnation geprägt worden. Die Sprache und Kultur sollte über die nationale Zugehörigkeit bestimmen. Die Region zwischen Aachen und Luxemburg wurde als „des Deutschtums fernster Westen“ bezeichnet, der unverrückbar Teil des deutschen Nationalstaates sein sollte.

  Judith Molitor meint hierzu: Ein Nationalstaat zielt auf größere Einheitlichkeit, und dazu gehört auch die Idee, dass alle Menschen einer bestimmten Sprachgruppe fast schon zwangsläufig einen eigenen Staat bilden sollten. Dass sie zusammengehören, dass verschiedene Sprachen eher trennen als verbinden. Ein solches Modell suggeriert gegenüber sprachlich heterogenen Staaten eine gewisse Ordnung. Da weiß man doch, woran man ist, oder? Nein, eigentlich nicht. Diese Gleichung geht für viele europäische Länder nicht auf; es gibt stets mindestens eine jeweilige Amtssprache, aber daneben ebenso mindestens eine regionale Minderheitensprache. Das gilt für Deutschland, aber auch seine Nachbarn wie z. B. Belgien mit seiner deutschsprachigen Gemeinde im Osten des Landes. Die Gebiete um Eupen und Malmedy gehörten bis nach dem Ersten Weltkrieg zu Deutschland. Für die Prümer Gegend, aus der ich komme, ist das Städtchen St. Vith noch einigermaßen relevant; da fährt man gelegentlich hin, hat vielleicht noch entfernte Verwandte. Erzeugt das nun ein Gefühl der Zusammengehörigkeit? Nein. Zumindest auf deutscher Seite geht es über ein vages „die gehörten halt mal zu uns“ kaum hinaus. Und es ist immer witzig, den dem Eifeler Platt so ähnlichen ostbelgischen Dialekt im Radio (also auf einer ungewohnt offiziellen Ebene) zu hören. Die gemeinsame Sprache allein fördert also kein gesteigertes Gemeinschaftsgefühl. Woran liegt diese auffallende Nicht-Verbindung? Zunächst ist es natürlich nicht auszuschließen, dass jemand mit engeren persönlichen Verbindungen zu Ostbelgien oder aus dem unmittelbaren Grenzgebiet den Sachverhalt anders bewerten würde als ich. Davon abgesehen mag es mit der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben, als jahrzehntelang die europäischen Staaten die Ereignisse erst einmal im eigenen Land aufgearbeitet haben – wenn überhaupt. Überregionaler Kontakt oder Austausch spielte im ländlichen Eifeler Raum keine große Rolle. Und in Ostbelgien?

 

 

Beide Sichtweisen gelten heute als politisch motivierte Erzählungen. Sie zielten darauf ab, durch den Rückgriff auf Geschichtsbilder Gebietsansprüche zu begründen. Mit diesen Konzepten werden noch heute zahlreiche Konflikte begründet.

  Michel Pauly meint hierzu: Teile dieser Region (Sankt Vith und die nordöstlichen Gebiete dahinter) gehörten jedoch während Jahrhunderten zum Herzogtum Luxemburg, das im Rahmen des Wiener Kongresses (1815) seine östlichen Territorien – neben den obengenannten Gebieten auch jene, die sich bis nach Bitburg erstreckten – an Preußen abtreten musste, damit Wilhelm I., König der Vereinigten Niederlande – heutige Niederlande und Belgien, auch Großherzog des 1815 neugegründeten Großherzogtums Luxemburg werden konnte. (Dies nennt man heute in der luxemburgischen Geschichtsschreibung die Zweite Teilung Luxemburgs, die Erste Teilung erfolgte bereits 1659 zu Zeiten der spanischen Niederlande). Das heutige Ostbelgien hat also nicht nur eine „belgische“, sondern, z.T. auch, eine luxemburgische Vergangenheit. Zu bezweifeln bleibt aber, ob sich die Bevölkerung der nördlichsten Gebiete des Herzogtums Luxemburg während ihrer jahrhundertelangen Zugehörigkeit zu diesem – die luxemburgische Vergangenheit Sankt Viths und Umgebung dauerte länger, als ihre preußische/deutsche und belgische bis heute zusammengenommen – jemals als Luxemburger betrachtet haben, da das luxemburgische Nationalgefühl ein Produkt des 19. und 20. Jahrhunderts ist.

 

 


  Katharina Stolla meint hierzu: Ein Beispiel dafür ist die Krim. Russland und die Ukraine erheben beide Ansprüche auf das Gebiet und rechtfertigen das jeweils unter anderem, indem sie auf die Geschichte verweisen. Geschichte ist nicht immer eindeutig. Je nach dem, wer sie erzählt und wie sie erzählt wird, wirkt sie anders. Diese beeinflussende Wirkung der Geschichtsschreibung und Geschichtserzählung führt dazu, dass Interessenkonflikte wie der um Ostbelgien oder die Krim meistens nicht auf Grundlage historischer Fakten zu lösen sind

 

 

Heute betrachten die Historiker die Region aus einer ganz anderen Perspektive: Sie sehen das heutige Ostbelgien als einen Zwischenraum, der sowohl Einflüsse aus Deutschland wie aus Belgien aufnahm. Er entwickelte sich zu einer Durchgangsregion mit ganz eigenen Besonderheiten. Bestes Beispiel: Um 1800 hatte sich die deutsche Schriftsprache nur im südlichen Teil des Gebiets, im Land um Sankt Vith, durchgesetzt. Im nördlichen Teil, dem Eupener Land, konkurrierten noch immer Deutsch, Niederländisch und Französisch als Schriftsprachen.

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