Die Volksbefragung

Die Kreise Eupen und Malmedy – das heutige Ostbelgien – war seit dem Wiener Kongress (1815) Teil des Königreichs Preußen. In der französischen Sprache bezeichnete man die Kreise, die seit 1920 von den Belgiern verwaltungsmäßig als Kantone fungierten, häufig als "Cantons rédimés". Das Verb „rédimer“ bedeutet so viel wie erlösen oder befreien. Demnach wäre das Gebiet nach seiner Angliederung an Belgien befreit worden. „Rédimé“ ist allerdings auch ein Synonym für „racheté“, also zurückkaufen. Die Region wäre in dieser Logik schon immer belgisch gewesen und sei quasi durch den „Blutzoll“ Belgiens im Ersten Weltkrieg zurückgekauft worden.

Platzhalter Erklärungstext

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unterschriftenliste von März 1919 gegen eine Annexion an Belgien.

Während des Kriegs debattierte die Öffentlichkeit aller Krieg führenden Länder über Annexionen. Besonders ausgeprägt war dies in Deutschland. Aber auch in Belgien wurden Forderungen laut. Gebietsabtretungen sollten eine Wiedergutmachung für die hohen Schäden sein, die das Land während des Kriegs erlitten hatte. In diesem Geiste sollte auch das Land um Eupen, Malmedy und Sankt Vith, das heutige Ostbelgien, „erlöst“ werden. Aber handelte es sich dabei wirklich um eine Erlösung vom „preußischen Joch“?

Der Ablauf der „Volksbefragung“ im heutigen Ostbelgien wurde im Versailler Vertrag durch die Alliierten festgelegt und war einmalig. Die Volksbefragung war keine freie, geheime und unabhängige Volkabstimmung, sondern sollte lediglich den Schein des Selbstbestimmungsrechtes wahren. Wer gegen den Anschluss an Belgien protestieren wollte, konnte sich lediglich vor belgischen Beamten nach einer Rechtfertigung namentlich in Listen in den Kleinstädten Eupen und Malmedy eintragen. Die ersten Protestler wurden massiv unter Druck gesetzt: Sie wurden ausgewiesen, ihnen wurden die Lebensmittelkarten entzogen oder sie wurden vom Geldumtausch ausgeschlossen. Als es nach einer Demonstration zu einem Massenandrang kam, wurden die Büros einfach geschlossen. Deshalb kursierte auch eine inoffizielle Liste, in der sich die Mehrheit der Bevölkerung eintrug. Zahlreiche Quellen zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lieber bei Deutschland verblieben wäre. Die meisten fühlten sich durch diese Volksbefragung betrogen. In der kollektiven Erinnerung war dieser Einschnitt so stark, dass das Thema der Volksbefragung die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg völlig überdeckte.

  Judith Molitor meint hierzu: An dieser Stelle muss auf das bemerkenswerte Ungleichgewicht in der Erinnerungskultur auf beiden Seiten der Grenze hingewiesen werden: Während die Umfrage in Belgien solche Wellen schlug, ist sie beispielsweise in der Eifel (fast) unbemerkt geblieben. Das heißt, den Zeitgenossen sicherlich nicht, aber schon für die Generation meiner Großeltern (also den Jahrgängen ab Mitte der 1920er Jahre) spielte dies eine so geringe Rolle, dass ich persönlich erst in der Oberstufe (und auch nur am Rande!) davon erfahren habe.

 

 

Der Begriff "cantons rédimés" ist folglich eine historische Konstruktion der belgischen nationalistischen Geschichtsschreibung. Er möchte den Eindruck vermitteln, dass die Vorfahren der heutigen deutschsprachigen Belgier sich in Deutschland nicht wohl gefühlt hätten, bzw. dass ihr Anschluss eine gerechtfertigte Entschädigung für den Ersten Weltkrieg war. Der Ausdruck ist Zeuge des grassierenden Nationalismus’ jener Zeit.

  Michel Pauly meint hierzu: In der luxemburgischen Erinnerungskultur gibt es unendlich viele Erzählungen über wie, wann und wo die amerikanischen Streitkräfte Luxemburg 1944-45 befreit haben. Die amerikanischen Soldaten wurden bei ihrem Einmarsch in Luxemburg als Befreier gefeiert, da sie die Bevölkerung von der verhassten Naziherrschaft befreiten, bzw. erlösten. Durch die Erlösung von dem „Bösen“ – den Deutschen – durch das „Gute“ – die Amerikaner – kann jeder sich an positive Erlebnisse mit den Amerikanern und an negative mit den Deutschen erinnern, während sich wenige heute an umgekehrte Verhältnisse erinnern möchten. Die Befreiung Luxemburgs durch die Amerikaner hatte und hat durchaus positive Folgen für Luxemburg, aber die Dämonisierung des einen und die gleichzeitige Heroisierung des anderen führte zu einer Schwarzweißmalerei in der kollektiven Erinnerung, die es heute der luxemburgischen Geschichtsschreibung erschwert, die Verhältnisse zwischen Luxemburgern und den deutschen Besatzern, und den Luxemburgern und den amerikanischen Befreiern, darzustellen.

 

 

  Claudia Kühnen meint hierzu: Auch die Geschichte 'Deutschlands' ist von der Frage nach der eigenen Identität geprägt. Von etlichen kleinsten Fürstentümern zu einem Deutschen Reich 1870, zu Preußen und den 'verlorenen' Teilen Elsass, des heutigen Polens, der Ostkantone etc. waren die deutschen Grenzen stets verschwommen und änderten sich ständig. Schon „das Lied der Deutschen“ von Fallersleben, das letztendlich zur deutschen Nationalhymne wurde, beschäftigt sich damit, was „Deutschland“ und „die Deutschen“ ausmacht.

 

 

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