Der 10. Mai 1940, Einmarsch deutscher Truppen:

Die deutsche Propagandapresse beschrieb den Einzug der deutschen Truppen in den Kreisen Eupen und Malmedy - im heutigen Ostbelgien - am 10. Mai 1940 wie einen vollen Erfolg. Die deutschen Soldaten seien mit Begeisterungsstürmen und Dankesbekundungen empfangen worden. Eine belgische Untergrundzeitung schrieb hingegen, dass die Bevölkerung kalt, zurückhaltend und niedergeschlagen auf die deutschen Soldaten reagierte.

Die Wirklichkeit sah wohl etwas nüchterner aus. Mit Sicherheit standen viele jubelnde Menschen am Straßenrand und beschenkten die Soldaten. Sie freuten sich über die „Befreiung“ durch Deutschland. Wie viele schlugen sich als Opportunisten nun auf die Seite des vermeintlichen Siegers? Wie viele blieben in ihren Häusern? Wie viele waren durch die Angst vor dem Krieg gelähmt? Wie viele wussten, dass sie die demokratischen Freiheiten des belgischen Staates verlieren würden? Wie viele sahen schon damals im Naziregime jene Menschen verachtende Diktatur, die Europa mit einem vernichtenden Krieg überziehen sollte? Zweifelsohne gab es beides: gewaltige Begeisterung und grenzenlose Bestürzung - und alle Schattierungen dazwischen.

Platzhalter Erklärungstext
Quelle: Staatsarchiv Eupen, Sammlung Kever. Nationalsozialisten hissen eine Hakenkreuzflagge beim Einmarsch deutscher Truppen in Eupen.

Viele Bewohner des heutigen Ostbelgiens glaubten, ab 1940 jenes Deutschland zu erleben, von dem sie sich während zwanzig Jahren ein idealisiertes Bild gemacht hatten. Sie erlebten die Diktatur des Dritten Reiches vor allem nachdem es deutlich wurde, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, als Enttäuschung. Die Enttäuschung wurde durch harte Erfahrungen verstärkt: Ab September 1941 wurden die ersten Männer zur Wehrmacht eingezogen, 3.200 wurden getötet. Der totalitäre Staat versuchte, das gesamte Leben zu kontrollieren. Andersdenkende wurden verfolgt, verschleppt, getötet. Zudem lebten die Bewohner von Eupen und Malmedy als vollwertige Bürger im Dritten Reich mit allen Pflichten: Jugendliche mussten Mitglied in der Hitlerjugend werden, Erwachsene in nationalsozialistischen Organisationen eintreten. Ihr Alltag war ein ganz anderer als der im besetzten Belgien. Das bedeutet aber nicht, dass sie alle Nationalsozialisten waren und sich mit dem nationalsozialistischen Gedankengut identifizierten.

Es ist wichtig diese Unterscheidung zu machen: Viele Europäer waren von den extrem-rechten und extrem-linken Parteien ihrer Länder in den 1930er Jahren fasziniert. Diese Parteien versprachen den Menschen die Verwirklichung politischer Utopien, d.h. angeblicher Idealwelten außerhalb von Rechtsstaat und Demokratie, sodass sie häufig eine Zusammenarbeit mit diesen extremen Parteien oder Diktaturen in Kauf nahmen. Das gilt auch für einen Teil der Bewohner Eupens und Malmedys.  Doch sie waren nicht nur Verführte.  Bei der historischen Betrachtung sollte nicht übersehen werden, dass ein Unterschied zwischen politischer Zugehörigkeit und dem Zugehörigkeitswunsch zu einem Staat existiert.

  Katharina Stolla meint hierzu: Katharina StollaGrundsätzlich ist es schwierig, die Begriffe „Opfer“, „Täter“ oder „Nazi“ zu benutzen. Man kann gleichzeitig Kriegsopfer und -täter sein und wer definiert eigentlich, ab wann man ein Nazi ist? Als Mitglied der NSDAP? Als Anhänger der Idee? Nicht nur in Ostbelgien gab es nach dem Krieg Streit darüber, wer ein Nazi war. Im Nachkriegsdeutschland haben tatkräftige UnterstützerInnen des nationalsozialistischen Regimes wieder gute Jobs angeboten bekommen, weil sie vermeintlich bezeugen konnten, nicht maßgeblich am Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen zu sein.

 

 

Die Differenzierung fällt aber oft schwer: In Ostbelgien gab es überzeugte Nationalsozialisten. Manche Ostbelgier nahmen die nationalsozialistische Diktatur in Kauf, um wieder ein Teil Deutschlands zu sein. Viele waren Opportunisten. Ein organisierter Widerstand bestand nicht in der Region. Nur wenige haben aktiv Widerstand geleistet. Rund 60 Personen aus der Region wurden im Gefängnis oder in den Konzentrationslagern getötet.

  Michel Pauly meint hierzu: In Luxemburg wird heute noch viel darüber diskutiert, wer aufgrund wessen zu einem „Nazi“, oder eher zu einem Kollaborateur, oder, abwertend auf luxemburgisch, zu einem „Gielemännchen“ (dt. wörtl.: „gelbes Männchen“; „gelb“ aufgrund der hellbraunen Naziuniformen) während des Zweiten Weltkrieges geworden ist. Das Attribut „Gielemännchen“ wurde großzügig nach dem Zweiten Weltkrieg verliehen, ganz gleich ob die Verleumdungen gegen eine Person begründet werden konnten oder schlicht auf übler Nachrede basierten. In den Verdacht ein „Gielemännchen“ zu sein, kamen all jene Luxemburger, die eine gewisse Rolle innerhalb der nationalsozialistischeren Verwaltung Luxemburgs einnahmen, ganz gleich ob sie diese unter Zwang oder freiwillig angenommen hatten. Ursachen für Verleumdung und Unterstellungen können schlichtweg der Hass auf alles Deutsche und was irgendwie damit Verbindung gebracht werden konnte, und die Trauer über die persönlichen Verluste und Kriegserlebnisse gewesen sein. Ein Motiv basierend auf Hass und Trauer kann also der Wunsch nach Vergeltung sein, um seine eigenen Verluste erträglicher zu machen.

 

In der Erinnerungskultur werden die Versuche deutlich, sich von der Tätergruppe zu distanzieren, die dieses menschenverachtende Regime aktiv, als Mitläufer oder durch Gleichgültigkeit unterstützte.

  Judith Molitor meint hierzu: Ähnlich ist es – soweit ich es in meinem Umfeld nachvollziehen kann – in der Eifel verlaufen. (Und vermutlich in allen deutschen oder besetzten Gebieten.) Die Großeltern-Generation erinnert sich noch an regimetreue Personen ihres Dorfes und regionalen Umkreises. Damit sind alle Menschen gemeint, die sich in ihrer Meinungsäußerung offen nazistisch zeigten und/oder ein entsprechendes Amt innehatten, beispielsweise das eines Kreisleiters oder einer BDM-Führerin. Diskussionen um die vorhergehende Generation und ihre teilweise Mitschuld am Entstehen der Diktatur wurden erst in den letzten Jahrzehnten angestoßen.

 

  Claudia Kühnen meint hierzu: Soweit ich es gelernt und erzählt bekommen habe, waren für die gesamte Welt alle Deutschen Nazis. Die Deutschen selbst wollten sich nicht mit den Geschehnissen des Krieges auseinandersetzten, und wollten eigentlich nur vergessen. Die Entnazifizierungsaktionen der Alliierten stießen in der Bevölkerung auf Widerwillen – niemand hatte etwas mitbekommen, alle hatte nur aus Angst um das eigene Leben und das Leben der Familie mitgemacht, und selbst bekannte Nazis wurden z.T. wieder in ihren alten Ämtern eingesetzt – als Richter z.B.. Dass sich nicht mit der „Vergangenheit“ und den Untaten während der Kriegsjahre (und auch zuvor) auseinandergesetzt wurde, nahm erste die nächste Generation, die Kinder der Täter/Opfer/Mittäter aus – und prägte als politisches Thema die Gesellschaft der 60er Jahre.

 

  Adeline Moons und Jeroen Petit meinen hierzu Die Erinnerungskultur an die Kollaboration macht deutlich, dass häufig versucht wird sich von jenen Menschen zu distanzieren, die sich als Mitläufer oder durch Gleichgültigkeit das Regime unterstützt haben. Auch in Flandern gibt es Gruppen, die sich hiervon distanzieren wollen. Ebenfalls gab es in Flandern aus verschiedenen Grünen Anhänger des diktatorischen Regimes. Weil man versucht sich einerseits von der Kollaboration zu distanzieren und andererseits aus unterschiedlichen Gründen dem Regime folgte, haben die Gruppen auch alle unterschiedliche Definitionen, von dem was ein Nazi ist.

 

 

zurück zur Übersicht