Kriegsende, die Ardennen-Offensive (1944)

Im September 1944 marschierte die US-Army in das heutige Ostbelgien ein. An den Straßen standen keine jubelnden Menschen. Die Unsicherheit war groß. Mehrere hundert Bürger waren nach Deutschland geflohen. Die belgische Widerstandsgruppen begannen mit der Verfolgung von tatsächlichen und vermeintlichen Kollaborateuren. Im Dezember versuchte die deutsche Wehrmacht ein letztes Mal im südlichen Teil Ostbelgiens die alliierten Truppen zurückzudrängen. Der südliche Teil der Region wurde weitgehend zerstört. Die Kleinstadt Sankt Vith, als wichtiges Eisenbahnzentrum, wurde durch zwei Luftangriffe komplett vernichtet.

  Michel Pauly meint hierzu: In der luxemburgischen Erinnerungskultur, was den Zweiten Weltkrieg betrifft, ist es eher eine kollektive Flucht in die Opferrolle und oft auch in die Heldenrolle. In den direkten Nachkriegsjahren als die luxemburgische Vorkriegsregierung nach der Befreiung Luxemburgs aus ihrem Exil in London in die Heimat zurückkehrte, stand sie vor einem veränderten Land: neben zahlreichen Resistenzgruppen, die der Regierung ihre Flucht ins Exil als Verrat an der Nation vorwarfen, deren Rücktritt forderten und direktes politisches Mitspracherecht einklagten; hatte man, zweitens, noch über mit über 10000 luxemburgischen Zwangsrekrutierten zutun, die ab 1942 in den Dienst in den deutschen Streitkräften gezwungenen worden waren, deren Rückkehr man fürchtete, da diese sich auch von der Regierung im Stich gelassen gefühlt hätten könnten, und ähnliche Forderungen wie die Resistenzgruppen hätten äußern könnten oder zu gar Schlimmerem im Stande gewesen sein könnten, drittens, mit einem ausgeraubtem Land, das zu einem Drittel komplett zerstört war, und viertens, mit der Verurteilung einiger tausend Bürger, denen Kollaboration mit dem Feind vorgeworfen wurde, und von denen viele 1944 nach Deutschland geflüchtet waren, zu tun.

 

Damit das Land in der Nachkriegszeit nicht an den vielen gesellschaftlichen Gegensätzen zerbrechen sollte, kam es zur paradoxalen Handlung: auf der einen Seite wurden bei den Prozessen der Großteil der Angeklagten der Kollaboration schuldig befunden. Zwar gab es auch 11 Todesurteile und einige Dutzend mussten ihre luxemburgische Staatsangehörigkeit aufgeben und das Land verlassen, aber die anfänglich festgesetzte Strafmaßen wurden sehr schnell abgemildert, um den Anteil der schweren Strafen zu verringern, um die Angeklagten und ihre Angehörigen milde zu stimmen, um weiteres Chaos zu verhindern. Auf der anderen Seite, um sich der politischen Opposition der Resistenzgruppen zu entledigen, diskreditierte man deren Handlungen während des Krieges, indem man offiziell erklärte, dass jeder Luxemburger aktiv Widerstand geleistet hätte. Die luxemburgischen Zwangsrekrutierten, von denen viele nach dem Krieg in russische Gefangenschaft geraten waren, ließ die Regierung noch etwas länger dort verschmoren, wo viele noch nach dem Krieg sterben sollten, mit der Absicht, dass nicht zu viele nach Hause zurückkehren würden, die weiteres Chaos anrichten könnten. In den Nachkriegsjahrzehnten wurden den Zwangsrekrutierten dann mit der Auszahlung einer einmaligen Wiedergutmachung offiziell die kollektive Opferrolle anerkannt.

Überspitzt ausgedrückt, entstand daraus eine Erinnerungskultur, die die Flucht in die Rolle der heldenhaften Opfer ermöglichte, mit vielen Mythen und Klischees, die die historische Aufarbeitung sehr erschweren.

 

 

In dieser zerstörten Region blieben in der Erinnerung der Menschen vor allem die großen Zerstörungen durch diese Kriegserfahrungen haften. In ihren Geschichten sahen sie sich selber in der Opferrolle: als Opfer dieser totbringenden Offensive und des Krieges. Dass viele Bürger durch ihre Gleichgültigkeit oder ihr Mitmachen, durch ihre Naivität und ihre Denunziationen, durch ihren Opportunismus und ihre Verblendung das mörderische System des NS-Staates auch als Täter unterstützt hatten, das wurde durch diese Sichtweise bis in die 1980er Jahre weitgehend verdrängt.

  Adeline Moons und Jeroen Petit meinen hierzu:

Auch in Flandern kann man diese Annahme der negativen Lasten der Geschichte durch eine jüngere Generation beobachten. In Flandern kommt ebenfalls nach und nach eine Diskussion über die Gräuel der nationalsozialistischen Zeit in Gang. Allerdings sollte diese Diskussion um die Geschichte nicht dazu genutzt werden, um unsere Wurzeln in Frage zu stellen oder etwa die Flämische Bewegung als Ganzes in Frage zu stellen.

 

 

Platzhalter Erklärungstext
Quelle: Staatsarchiv Eupen, Bestand Fotoatelier Lander. Ein Bild der zerstörten Kleinstadt Sankt Vith
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