Die Föderalisierung und Europäisierung (1992/1993)

Mit dem Vertrag von Maastricht (1992) und dem Wegfall der Personenkontrollen im Schengenraum (1995) wurde die Integration Europas vertieft. Die Grenzen zwischen Belgien, Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden sind offen.

Heute fühlen sich die Deutschsprachigen als Teil des belgischen Staates. Sie bezeichnen sich als deutschsprachige Belgier. In den Bezeichnungen der übrigen Teilstaaten (Wallonische Region, Föderation Brüssel-Wallonie, Flandern) taucht die Zugehörigkeit zu Belgien nicht mehr auf.

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Quelle: Staatsarchiv Eupen, Bestand Thönissen. Greifbar wird die Europäisierung vor allen Dingen an den zahlreichen Grenzübergängen, die geöffnet wurden. Einige von ihnen wurden umfunktioniert, etwa zum Kulturtreffpunkt KuKuK (Bild).

Die Deutschsprachigen fühlen sich wohl in Belgien. Das wichtigste Motiv ist wohl die umfangreiche Autonomie, die sie im Laufe der letzten 50 Jahre erhalten haben. Diese erlaubt ihnen die freie Entfaltung ihrer kulturellen Eigenheiten. Der zweite Artikel der Verfassung zeigt diesen wichtigen Stellenwert: „Belgien umfasst drei Gemeinschaften: die Deutschsprachige Gemeinschaft, die Flämische Gemeinschaft und die Französische Gemeinschaft.“

Die fortschreitende europäische Integration bot den Ostbelgiern zugleich die Möglichkeit, die offenen Grenzen für sich zu nutzen, stärker den Kontakt mit der Bundesrepublik Deutschland, dem Großherzogtum Luxemburg und den Niederlanden zu suchen. Als Grenzregion profitierte das Gebiet in hohem Maß von der Abschaffung der Grenzen und hatte alle Möglichkeit, um den Alltag offen zu gestalten.

  Benjamin Hachenberg meint hierzu: In meinem persönlichen Fall, da ich meine beiden Wohnsitze einerseits im Raum Koblenz, andererseits im Raum Trier (und damit in beiden Fällen in nicht sehr großer Distanz zu Ländergrenzen) habe, kann ich durchaus bestätigen, dass in unserer Zeit der offenen Grenzen ein kultureller Austausch in gesundem Maße stattfindet, wie umgekehrt aber auch in ebenso gesundem Maße die eigene kulturelle Identität gewahrt und gelebt werden kann. Freilich aber mit dem Unterschied, dass in meiner Heimat dafür seit vielen Jahrzehnten keine Anpassung oder Integration in einen neuen Staat oder zumindest eine neue Sprache mehr stattfinden musste

 

  Claudia Kühnen meint hierzu: Ich selbst kann unbeschwert von Aachen nach Eupen reisen und dort arbeiten, mit allen Menschen interagieren und mich verständigen und habe viele neue Freundschaften geschlossen. Auch wenn Identitäten immer noch in den Köpfen der Menschen bestehen, haben die offenen Grenzen doch den Umgang miteinander einfacher gemacht. Grenzregionen sind auch immer Übergangsregionen, was mit sich bringt, dass man im Bezug auf Sprache und Werte Kompromisse eingeht und dem „Anderen“ entgegen kommt.

 

  Michel Pauly meint hierzu: Ähnlich wie Ostbelgien und alle anderen Grenzregionen innerhalb der Europäischen Union, profitiert auch Luxemburg, das seit jeher klein im Vergleich zu seinen Nachbarländern und der Inbegriff einer Grenzregion ist, von den europäischen Grenzöffnungen, die im Falle Luxemburg wieder mit seinen früheren Besitzungen und darüber hinaus verbindet. In Luxemburg ist der Weg bis zur nächsten Grenze nie weit. Der Grenzverkehr und der permanente Austausch mit dem Ausland sind also eine logische Konsequenz der Ausmaße Luxemburgs. Luxemburg wird deshalb oft von den Luxemburgern als Herz Europas bezeichnet, nicht nur wegen seiner geographischen Lage, sondern auch weil es regelmäßig im Eurobarometer mit Höchstwerten von sich reden macht. Diese hohe Zustimmung für die EU basiert darauf, dass Luxemburg finanziell von den Grenzöffnungen profitiert: Eine Masse an Arbeitskräfte aus den Nachbarländern steht zur Verfügung, ohne die die luxemburgische Wirtschaft viel kleiner wäre. Politisch profitiert das kleine Luxemburg natürlich auch von der EU, da sie ihm eine Bühne vor der Weltöffentlichkeit bietet – ein Machtmultiplikator für seinen Einfluss in der Welt, den es ohne die EU nicht hätte. Solange Luxemburg also finanziell und politisch von der EU profitiert, solange werden die Luxemburger auch stolze Europäer sein.

 

  Katharina Stolla meint hierzu: Ob man sich mit einer Stadt, einem Land oder einer weiterführenden Gemeinschaft identifiziert, hängt oft von persönlichen Einflüssen, aber auch von der politischen und geografischen Lage einer Region ab. Hessen als recht zentral gelegenes deutsches Bundesland kann einfach engen Kontakt zu umliegenden deutschen Regionen aufnehmen. Durch den Flughafen und den weltweit zentralen Finanzstandort gibt es in meiner Heimat aber auch viele internationale Kontakte und eine enge Beziehung zur EU und weltweiten Kreisen. Ostbelgien ist Teil der flämisch-wallonisch-niederländisch-deutschen Grenzregion und erlebt somit die vielfältigen kulturellen und gesellschaftlichen Seiten Belgiens und Westeuropas. Dadurch entsteht vermutlich eine andere Beziehung zum Heimatland und zur EU als BelgierInnen aus Antwerpen oder Charleroi oder auch als FrankfurterInnen.

 

  Adeline Moons und Jeroen Petit meinen hierzu Auch in Flandern ist die Frage der Zugehörigkeit hoch aktuell. Heute gibt es zahlreiche Diskussionen über die Platz Flanderns in Belgien oder die Zukunft Belgiens. Hierüber wird auch noch in den folgenden Jahren debattiert werden.

 

 

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