Der Fluch der geschlossenen Grenzen

Ein Bild und seine Geschichte

Eupen, 1946. Der Krieg ist seit knapp zwei Jahren beendet. Der belgische Innenminister Auguste Buisseret besucht die belgisch-deutsche Grenze und schüttelt einem „Douanier“ die Hand.

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Seit dem Ersten Weltkrieg wurden Grenzen in ganz Europa immer dichter: Familienbande wurden zerschnitten, Wirtschaftsräume abgetrennt, kulturelle Kontakte unterbunden. Nach 1945 hatte Henri Hoen, der beigeordnete Bezirkskommissar aus Malmedy, die Schließung der Grenze und die Orientierung der Bewohner der Ostkantone nach Innerbelgien gar als eine der drei wichtigsten politischen Ziele ausgegeben. Carlo Lejeune bezeichnete das als „gläsernen Vorhang“, da der Grenzübertritt durch Personen zwar weitgehend eingeschränkt wurde, Presse und vor allem Radio und später Fernsehen die Grenze aber problemlos überwinden konnten. Die deutsche Kultur blieb in Ostbelgien somit sichtbar und prägend. Durch die weitreichenden Verbote des Grenzübertritts überschritten viele Menschen die Grenze häufig illegal: Der Schmuggel blühte und war für viele Menschen dieser stark zerstörten Region eine wichtige , wenn auch illegale Mehreinnahme.

1951 wurde die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl gegründet, aus der später die heutige EU hervorgehen sollte. Durch den deutsch-belgischen Ausgleichsvertrag von 1956 wurden die Grenzkontrollen dann in diesem Geist weitgehend aufgehoben.

Jakob Schmitt, Hellenthaler Mitbegründer und Triebfeder der Grenzlandtreffen erinnerte sich: „Was heute so selbstverständlich klingt, war zu Beginn der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts noch eine heikle und unpopuläre Missionierungsarbeit, namentlich für unsere belgischen Freunde. Das Wort Aussöhnung hörte man nicht gerne. Allzu offen deutschfreundliche Gefühle zu bekunden, war sogar mit persönlichem Risiko verbunden. Zu tief lastete bei den Offiziellen der Schuldvorwurf, dass dreimal innerhalb von 100 Jahren von deutschem Boden aus der Krieg ins Land getragen wurde […] Gleichwohl waren es zu allen Zeiten die Menschen ‚vor Ort‘ und weniger die Behörden und Institutionen, die in ihrer Friedenssehnsucht, im Wunsch nach Völkerverständigung, die Schrittmacher ihrer Regierungen waren. Das gilt vor allem für die Grenzbewohner, die Generationen lang unter ihrer Nationalstaatlichkeit gelitten haben und oft genug Subjekt willkürlicher Gebietsabtretungen und Grenzschiebungen waren.“

Heute erscheint es uns als selbstverständlich, dass wir die Grenzen in Steinebrück, Losheimergraben, Wahlerscheid oder auf Wemperhardt frei passieren können. Grenzkontrollen sind im Schengenraum nur unter besonderen Voraussetzungen erlaubt. Doch noch immer herrscht die Meinung vor, dass geschlossene Grenzen das Leben sicherer machten. Dabei zeigt unser Beispiel des Grenzschmuggels (wie viele andere auch) doch am besten, dass der grüne Streifen zwischen zwei Ländern niemanden aufhalten kann, der willens ist, eine Grenze zu überschreiten.

Lesetipps: Christoph Brüll: Belgien im Nachkriegsdeutschland: Besatzung, Annäherung, Ausgleich (1944 - 1958), Essen 2009, S 255- 383. Schwerpunktthema: Europa und Region - Nordrhein-Westfalen, Belgien und die Niederlande, Essen 2015 (Geschichte im Westen, 30.2015); Carlo Lejeune: Der gläserne Vorhang. Die Grenze zwischen deutscher und belgischer Eifel, in Carlo Lejeune (Hg.): Mut zur eigenen Geschichte: der 8. Mai 1945 - Anmerkungen zur ostbelgischen Vergangenheit, St. Vith 1995, S. 64-65.

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